Rolls-Royce – kaum ein anderer Name steht so sehr für Luxus, Qualität und technische Exzellenz. Doch die Frage „Wem gehört Rolls-Royce?“ lässt sich nicht in einem Wort beantworten, denn hinter dem berühmten Doppelt-„R“-Logo verbergen sich zwei eigenständige Unternehmen. Zum einen gibt es den Automobilhersteller Rolls-Royce Motor Cars, der Teil der BMW-Gruppe ist, zum anderen die Rolls-Royce Holdings plc, ein börsennotierter britischer Triebwerks- und Technologiekonzern. Beide teilen sich zwar den traditionsreichen Markennamen, doch ihre Eigentumsverhältnisse könnten unterschiedlicher kaum sein. Im Folgenden beleuchten wir, wie es zu dieser Aufspaltung kam und wer heute hinter der Marke Rolls-Royce steht.
Rolls-Royce Motor Cars: Ein britischer Luxushersteller unter dem Dach von BMW. Die Automobilsparte von Rolls-Royce – bekannt für legendäre Modelle wie den Phantom und den Ghost – gehört heute vollständig der deutschen BMW AG. Seit dem Jahr 2003 werden die berühmten Luxusautos von Rolls-Royce in Goodwood (England) in einem neuen Werk gefertigt, das BMW eigens für seine Nobelmarke errichtet hat. Dass Rolls-Royce-Automobile nun zu einem Münchner Konzern gehören, ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Übernahmewerkung Ende der 1990er Jahre. Damals entschied sich der damalige Eigentümer der Rolls-Royce-Autosparte, der britische Rüstungskonzern Vickers, zum Verkauf. Zunächst galt BMW als Favorit, zumal BMW bereits Motoren für Rolls-Royce- und Bentley-Fahrzeuge lieferte und sogar im Triebwerksbereich mit Rolls-Royce kooperierte. Doch im Jahr 1998 wurde BMW vom Konkurrenten Volkswagen (VW) überboten. VW zahlte rund 1,44 Milliarden D-Mark, erhielt dafür das historische Werk in Crewe, die Belegschaft, die Marke Bentley sowie Rechte an markentypischen Designelementen wie dem Kühlergrill und der Kühlerfigur „Spirit of Ecstasy“. Nicht inbegriffen im VW-Deal waren jedoch die Namens- und Markenrechte an Rolls-Royce selbst – und genau hier lag die Krux: Diese Rechte hielten nämlich gar nicht Vickers oder VW, sondern das britische Triebwerksunternehmen Rolls-Royce plc in Derby.
Rolls-Royce plc, also das separate Luft- und Raumfahrtunternehmen, wollte den prestigeträchtigen Namen nicht Volkswagen überlassen. Stattdessen handelten Rolls-Royce plc und BMW eine Vereinbarung aus: BMW erwarb von Rolls-Royce plc das exklusive Nutzungsrecht am Markennamen „Rolls-Royce“ für Automobile – laut Quellen für etwa 120 Millionen D-Mark. Dadurch war der Weg frei für eine gütliche Aufteilung: Ab 2003 wurden die Marken Rolls-Royce und Bentley getrennt, wie offiziell vereinbart. Volkswagen behielt Bentley sowie das Werk in Crewe und konzentrierte sich fortan auf die sportlichere Luxusmarke Bentley, die man laut VW-Chef Ferdinand Piëch „in erster Linie nur haben wollte“. BMW hingegen übernahm Rolls-Royce Motor Cars vollständig, jedoch praktisch ohne Fabrik oder Modelle, dafür mit den Namensrechten und bereits seit 1998 bestehender Zuliefererrolle (Motoren). In Goodwood baute BMW ein neues Werk auf, stellte neues Personal ein und entwickelte ein komplett neues Fahrzeug – den Rolls-Royce Phantom, der 2003 als erstes BMW-Ära-Modell auf den Markt kam. Seitdem ist Rolls-Royce Motor Cars eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der BMW Group. Operativ agiert sie zwar eigenständig in England, doch strategische Entscheidungen und die Finanzierung liegen im Verantwortungsbereich von BMW in München. Die Eigentumsverhältnisse sind damit klar: Rolls-Royce-Automobile gehören heute BMW. Für die Käufer der edlen Fahrzeuge änderte sich äußerlich wenig – die Wagen werden weiterhin in Großbritannien von Hand gefertigt und verkörpern britische Noblesse –, doch im Hintergrund steht nun deutsche Ingenieurskunst und Konzernpower als Rückhalt.
Rolls-Royce Holdings plc: Ein unabhängiger britischer Konzern in Streubesitz. Gleichzeitig existiert die Rolls-Royce plc (offiziell heute Rolls-Royce Holdings plc), die mit der Automobilproduktion direkt nichts mehr zu tun hat. Dieses Unternehmen ist einer der weltweit führenden Hersteller von Flugzeugtriebwerken und anderen Hochtechnologie-Antrieben für die Luftfahrt, Marine und Energietechnik. Historisch geht es auf das ursprüngliche 1904 von Henry Royce und Charles Rolls gegründete Unternehmen zurück, das sowohl Autos als auch Flugzeugmotoren baute. Doch 1971 kam es zur dramatischen Wende: Rolls-Royce geriet durch die kostspielige Entwicklung des Jet-Triebwerks RB211 in die Insolvenz und wurde vom britischen Staat gerettet. In der Folge beschloss die Regierung 1973, das Unternehmen aufzuteilen. Die Automobilsparte wurde ausgegliedert – sie firmierte fortan als Rolls-Royce Motor Cars und gelangte 1980 in den Besitz von Vickers. Die Triebwerkssparte verblieb im Staatsbesitz, wurde 1987 reprivatisiert und trägt seither den Namen Rolls-Royce plc. Wichtiger Punkt: Bei dieser Aufspaltung gingen die Markenrechte am Namen „Rolls-Royce“ an das Triebwerksunternehmen über. Vickers und nachfolgend VW besaßen für die Autos zwar Nutzungsrechte per Lizenz, jedoch keine eigenen Rechte am Markennamen selbst. Diese Konstruktion erklärt, warum Rolls-Royce plc 1998 das letzte Wort hatte, wer den Namen in der Autobranche nutzen darf – und weshalb letztlich BMW und nicht Volkswagen das Rennen machte.
Heute ist Rolls-Royce Holdings plc ein eigenständiges Unternehmen mit Sitz in London und an der Börse notiert (im FTSE-100 Index in London). Anders als Rolls-Royce Motor Cars gibt es hier keinen einzelnen Großaktionär, dem „Rolls-Royce“ gehört. Stattdessen befindet sich die Aktienmehrheit in Streubesitz – rund 98 % der Anteile werden frei am Markt gehalten. Die größten Anteilseigner sind internationale institutionelle Investoren, aber selbst diese halten jeweils nur kleine Pakete: Beispielsweise besitzen die US-Investmentgesellschaften Harris Associates und Causeway Capital jeweils etwa 5 % der Aktien. Weitere institutionelle Anleger wie Fonds von Vanguard oder BlackRock folgen mit Anteilen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Kein Investor hat jedoch eine beherrschende Mehrheit – Rolls-Royce plc gehört im Prinzip seinen vielen Aktionären. Ein besonderes Detail verdient Erwähnung: Die britische Regierung hält eine sogenannte „Golden Share“ an Rolls-Royce. Das bedeutet, der Staat besitzt ein Sonderrecht, Übernahmeversuche zu veto-en, um das strategisch wichtige Unternehmen vor einer feindlichen Übernahme zu schützen. Diese Sonderaktie – eingeführt, weil Rolls-Royce wichtige Technologien für die nationale Sicherheit (z.B. Nuklearantriebe für U-Boote) liefert – stellt sicher, dass Rolls-Royce plc faktisch britisch kontrolliert bleibt, auch wenn die Aktien weltweit verteilt sind. Operativ wird der Konzern von einem britischen Management geführt und unterliegt dem britischen Recht, doch seine finanziellen Eigentümer sind breit gestreut über globale Kapitalmärkte.
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