Erstellt von Lana

Wem gehört Real Madrid?

Real Madrid ist einer der berühmtesten und finanziell erfolgreichsten Fußballklubs der Welt. Doch anders als viele andere europäische Topvereine gehört Real Madrid keinem milliardenschweren Investor und ist auch nicht an der Börse notiert. Stattdessen lautet die überraschende Antwort auf die Frage „Wem gehört Real Madrid?“: Den Mitgliedern des Vereins. Real Madrid ist ein Mitgliederverein – auf Spanisch „Club Deportivo“ – und vollständig im Besitz seiner zahlreichen Socios (Mitglieder). Dieses Modell hat eine lange Tradition und bestimmt bis heute die Struktur, Führung und Finanzierung des Klubs.

Mitglieder als Eigentümer: Das Socios-Modell

Real Madrid wird nicht von einem einzelnen Eigentümer kontrolliert, sondern von seinen rund 95.000 Vereinsmitgliedern („Socios“) getragen. Jedes dieser Mitglieder ist ein Anteilseigner im ideellen Sinne – vergleichbar mit Aktionären, jedoch ohne handelbare Aktien. Praktisch bedeutet das: Die Mitglieder üben die Kontrolle aus, indem sie z.B. den Präsidenten wählen und über wichtige Vereinsangelegenheiten abstimmen. Real Madrid ist damit – genauso wie der FC Barcelona, Athletic Bilbao und CA Osasuna – einer der wenigen Spitzenklubs in Spanien, die weiterhin in Mitgliederhand sind. Diese vier Vereine machten von einer gesetzlichen Ausnahmeregelung Gebrauch und blieben als Mitgliedervereine organisiert, anstatt sich in Kapitalgesellschaften umzuwandeln.

Die Socios von Real Madrid besitzen Stimmrechte und genießen gewisse Vorteile (z.B. Vorkaufsrechte für Tickets). Sie entrichten jährliche Mitgliedsbeiträge und haben damit formal Anteil an der finanziellen Basis des Klubs – auch wenn diese Beiträge in Zeiten milliardenschwerer TV-Verträge und Sponsorendeals nur noch einen kleinen Teil des Gesamtumsatzes ausmachen. In den Anfangsjahren des Vereins waren Mitgliedsbeiträge und Eintrittsgelder die Hauptfinanzierungsquellen, doch heute erzielt Real Madrid seine Einnahmen vor allem durch Medienrechte, Sponsoring, Merchandising und sportliche Erfolge.

Kein Privatbesitz: Florentino Pérez ist Präsident, nicht Eigentümer

An der Spitze des Vereins steht der Präsident, der von den Mitgliedern gewählt wird. Seit dem Jahr 2000 ist Florentino Pérez – ein spanischer Bauunternehmer – mit kurzer Unterbrechung Präsident von Real Madrid. Obwohl Pérez eine zentrale Führungsfigur ist, betont er selbst, dass ihm der Klub nicht „gehört“: „Ich bin nicht der Eigentümer von Real Madrid, Real Madrid ist ein Mitgliederverein“, stellte Pérez klar. Tatsächlich ist er gewählter Repräsentant der Socios und leitet den Verein im Auftrag der Mitglieder.

Die Amtszeit des Präsidenten beträgt üblicherweise vier Jahre, und alle volljährigen Socios sind wahlberechtigt. Allerdings können nicht beliebig viele Kandidaten antreten – die Zugangshürden sind hoch. Um für das Präsidentenamt kandidieren zu dürfen, muss man laut Vereinsstatut mindestens 20 Jahre Vereinsmitglied sein und eine erhebliche finanzielle Bürgschaft hinterlegen (etwa 15 % des Jahresbudgets des Klubs). Bei einem Umsatz in Höhe von rund 1 Milliarde Euro entspricht das einer Garantiesumme von etwa 150 Millionen Euro, die ein Bewerber mit seinem Vorstand stellen muss. Diese strengen Anforderungen sorgen dafür, dass nur finanzstarke und erfahrene Mitglieder antreten können. In der Praxis führte dies dazu, dass Florentino Pérez in den jüngsten Wahlen mangels Gegenkandidaten ohne Abstimmung bestätigt wurde (zuletzt im Jahr 2021 und erneut 2025).

Neben dem Präsidenten gibt es einen vom ihm geführten Vorstand (Junta Directiva), dem ebenfalls nur Vereinsmitglieder angehören dürfen. Große strategische Entscheidungen – etwa zum Budget, zu Bauprojekten oder zur Satzungsänderung – werden auf der jährlichen Generalversammlung getroffen. An dieser nehmen gewählte Delegiertenvertreter (socios compromisarios) teil, die stellvertretend für die breite Mitgliedschaft abstimmen. Dieses repräsentative System gewährleistet handlungsfähige Strukturen trotz der großen Mitgliederzahl.

Rechtlicher Hintergrund: Warum Real Madrid ein Mitgliederverein blieb

Dass Real Madrid heute noch den Mitgliedern gehört, hat auch historische und gesetzliche Gründe. 1990 erließ die spanische Regierung ein Sportgesetz (Ley del Deporte), das vorsah, dass alle Profiklubs sich in Kapitalgesellschaften (Sport-Aktiengesellschaften, SAD) umwandeln müssen. Ziel war es, die damals teils chaotischen Klubfinanzen zu sanieren und professioneller zu führen. Allerdings gab es eine Ausnahme: Vereine, die in den Jahren zuvor wirtschaftlich solide gewirtschaftet und keine Schulden angehäuft hatten, durften ihren Status als nicht-gewinnorientierter Verein (Club Deportivo) beibehalten.

Nur vier Traditionsklubs erfüllten diese Voraussetzungen: Real Madrid, der FC Barcelona, Athletic Bilbao und Osasuna. Sie machten von der Ausnahme Gebrauch und blieben Mitgliedervereine – ein Privileg, das auch finanzielle Vorteile mit sich brachte. Als nicht-kommerzielle Vereine unterlagen sie lange Zeit einem ermäßigten Steuersatz, der unter dem regulären Steuersatz für Kapitalgesellschaften lag. Dies bewirkte de facto einen Steuervorteil gegenüber den in Aktiengesellschaften umgewandelten Vereinen. Die EU-Kommission wertete diese Sonderregelung später als unzulässige staatliche Beihilfe und forderte Nachzahlungen, doch 2019 entschied das EU-Gericht, dass der Vorteil nicht eindeutig belegbar sei. Ungeachtet dieser Debatte bleibt festzuhalten, dass Real Madrid durch seine Rechtsform bis 2016 etwas weniger Körperschaftssteuer zahlte als Konkurrenzklubs mit Firmenstruktur.

Eine weitere Konsequenz des Mitgliederprinzips: Aktienverkauf oder externe Anteilseigner sind bei Real Madrid ausgeschlossen. Der Verein kann – anders als börsennotierte Klubs – kein neues Kapital durch Ausgabe von Aktien aufnehmen und auch keinen Anteil an einen Investor verkaufen. Dadurch ist Real Madrid vor feindlichen Übernahmen geschützt, gleichzeitig muss der Klub finanzielle Engpässe eigenständig lösen. Im Laufe der Geschichte ist dies mehrfach gelungen, oft durch kreative Lösungen: So veräußerte Real Madrid im Jahr 2001 sein altes Trainingsgelände (Ciudad Deportiva) an ein Konsortium aus Unternehmen und der Stadt Madrid. Dieser Verkauf spülte rund 480 Millionen Euro in die Kassen und half, erhebliche Schulden abzubauen. Der finanzielle Befreiungsschlag ermöglichte es dem Verein, in den folgenden Jahren Topstars – die berühmten „Galácticos“ – zu verpflichten, ohne einen externen Geldgeber zu benötigen.

Finanzielle Stärke trotz Mitgliederverein-Modell

Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, nur von Milliardären geführte Vereine könnten im modernen Fußball finanzielle Spitzenplätze einnehmen. Real Madrid widerlegt diese Annahme eindrucksvoll. Der Klub führt seit Jahren die Ranglisten der umsatzstärksten Fußballvereine an. In der Saison 2023/24 durchbrach Real Madrid als erster Klub überhaupt die Marke von 1 Milliarde Euro Jahresumsatz (exkl. Transfererlöse). Laut dem Finanzreport „Football Money League“ von Deloitte erzielten die „Königlichen“ einen Rekordumsatz von 1,0455 Milliarden Euro, deutlich mehr als finanzstarke Konkurrenten wie Manchester City (838 Mio.) oder Paris Saint‑Germain (806 Mio.).

Diese Einnahmen stammen aus zahlreichen Quellen: sehr hohen TV- und Preisgeldern durch regelmäßige Champions-League-Erfolge, lukrativen Sponsoring-Verträgen (Emirates, Adidas u.a.), Merchandising weltweit – Real Madrid vermarktet seinen Markenwert äußerst erfolgreich. Hinzu kommen Stadion-Einnahmen: Das heimische Estadio Santiago Bernabéu (Kapazität über 80.000) füllt sich regelmäßig, wobei viele Plätze durch Dauerkarten an Socios vergeben sind. Dass Real Madrid finanziell so gut dasteht, obwohl kein externer Investor Geld zuschießt, liegt an dieser breiten Erlösbasis und konsequenter Geschäftsführung. Vereinspräsident Florentino Pérez, selbst ein erfahrener Bauingenieur und Unternehmenschef, setzte in den 2000er-Jahren auf eine Kommerzialisierung des Klubs – z.B. durch globale Marketingtouren und Prestige-Transfers – und konnte die Einnahmen des Vereins innerhalb eines Jahrzehnts nahezu verzehnfachen.

Natürlich ist auch Real Madrid nicht gänzlich frei von finanziellen Herausforderungen. Teure Infrastrukturprojekte wie der aktuelle Umbau des Bernabéu-Stadions wurden über Kredite finanziert, und zeitweise trug der Klub beträchtliche Schulden. Während der Corona-Pandemie geriet Real – wie viele andere – durch wegbrechende Zuschauer- und Eventeinnahmen unter Druck. Doch dank seines Umsatzvolumens und straffer Kostendisziplin (z.B. Gehaltskürzungen im Kader 2020) meisterte der Verein die Krise, ohne seine Unabhängigkeit aufzugeben. Im Geschäftsjahr 2022/23 erwirtschaftete Real Madrid trotz Stadionbau und Spielerinvestitionen wieder einen Gewinn (ca. 13 Millionen US‑Dollar) – ein Hinweis darauf, dass das Mitglieder-Modell auch wirtschaftlich tragfähig ist.

Exklusive Mitgliedschaft: Strenge Aufnahme und globale Fanbasis

Wer nun denkt, man könne einfach Mitglied (Socio) bei Real Madrid werden und damit Mitbesitzer des Vereins, sieht sich getäuscht. Die Zahl der Socios ist seit Jahrzehnten gedeckelt. Aktuell liegt sie bei knapp 96.000 und ist per Vereinsstatut an die Stadionkapazität gekoppelt. Schon 2001 beschloss der Klub, keine unbegrenzte Neuaufnahme mehr zuzulassen. Neue Mitglieder können im Prinzip nur noch jene werden, die Kinder oder Enkelkinder bestehender Socios sind. Damit stellt Real Madrid sicher, dass die Mitgliederzahl nicht explosionsartig steigt und z.B. ein externer Geldgeber nicht einfach Tausende „eigene“ Leute als Mitglieder einschleusen kann, um die Kontrolle zu übernehmen. Außerdem soll garantiert werden, dass die meisten Mitglieder auch realistisch Heimspiele besuchen können – denn viele Socios sind zugleich Dauerkarteninhaber, und mehr Mitglieder als Sitzplätze im Stadion würden zu Unmut führen.

Für alle anderen Fans, die nicht das Privileg einer familiären „Erbmitgliedschaft“ haben, bietet Real Madrid seit 2001 die „Madridista“-Fanmitgliedschaft an. Gegen eine kleinere Jahresgebühr erhält man eine offizielle Fan-Karte, Zugriff auf Tickets (nach den Socios) und Rabatte im Fanshop, jedoch kein Stimmrecht. Diese Initiative war überaus erfolgreich: Weltweit gibt es inzwischen über eine Million registrierte Madridistas. Darüber hinaus unterstützen mehr als 200.000 Fans den Verein in über 2.500 offiziellen Fanclubs (Peñas) rund um den Globus. Die aktive Fanbasis von Real Madrid ist also riesig – doch der innerste Kreis der stimmberechtigten Socios bleibt exklusiv.

Trotz dieser Exklusivität ist die Zusammensetzung der Mitgliederschaft vielfältig. Das Durchschnittsalter der Socios liegt um die 40 Jahre, und der Frauenanteil beträgt schätzungsweise knapp 30 % – Tendenz steigend, nicht zuletzt dank des wachsenden Frauenfußballs und eines eigenen Real‑Madrid‑Frauenteams. Viele Madrilenen tragen ihre Vereinsmitgliedschaft über Generationen in der Familie weiter, was die tiefe Verwurzelung des Klubs in der lokalen Gemeinschaft zeigt.

Zukunftsaussichten: Bleibt Real Madrid den Mitgliedern treu?

Angesichts astronomischer Summen im modernen Fußball stellen sich manche die Frage, ob Real Madrid sein Modell ewig beibehalten kann. Der Klubvorstand unter Florentino Pérez hat jedoch mehrfach bekräftigt, dass Real Madrid nicht verkauft werden soll und die Mitglieder die wahren Besitzer bleiben. „Wir werden alles Nötige tun, damit dieser Klub im Eigentum seiner Mitglieder bleibt, so wie er es seit unserer Gründung vor 122 Jahren gewesen ist“, erklärte Pérez auf der Generalversammlung 2024. Gleichzeitig denkt man intern darüber nach, wie man die Eigentümerstruktur an neue Herausforderungen anpassen kann, ohne die Mitgliederhoheit zu verlieren. So kündigte Pérez an, den Socios eine „Neuorganisation der Vereinsstruktur“ vorzuschlagen, um das Vermögen des Klubs besser zu schützen. Dabei steht im Raum, die Mitglieder noch stärker rechtlich zu verankern – etwa indem man Anteile schafft, die ausschließlich von Socios gehalten werden, um äußere Einflüsse abzuwehren. Konkrete Pläne wurden hierzu noch nicht öffentlich gemacht (und müssten von der Mitgliederversammlung gebilligt werden).

Klar ist: Real Madrid sieht seine fan-geführte Struktur als Kern seiner Identität. In einer Fußballwelt, die von Investoren, Übernahmen und Milliardentransfers geprägt ist, bildet Real Madrid gemeinsam mit wenigen anderen Vereinen einen Sonderfall. Die Frage „Wem gehört Real Madrid?“ lässt sich somit eindeutig beantworten: Real Madrid gehört seinen Mitgliedern. Diese kollektive Eigentümerstruktur hat den Verein über ein Jahrhundert lang geprägt – sportlich wie wirtschaftlich – und soll nach dem Willen der Vereinsführung auch künftig die Grundlage für den Erfolg der „Königlichen“ bilden.

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