Breuninger ist eines der bekanntesten deutschen Mode- und Kaufhausunternehmen mit einer über 140-jährigen Geschichte. Dennoch stellen sich viele die Frage: „Wem gehört Breuninger?“ Diese Frage gewinnt aktuell an Brisanz, da es seit 2024 Berichte über einen möglichen Verkauf der Breuninger-Warenhauskette gibt. Breuninger gilt als Familienunternehmen, doch die Eigentumsverhältnisse sind komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Breuninger wurde 1881 von Eduard Breuninger in Stuttgart gegründet. Was als kleines Textilgeschäft begann, entwickelte sich rasch zu einem renommierten Modehaus. Eduard Breuninger führte das Unternehmen bis zu seinem Tod 1932; danach übernahm seine Familie die Leitung. In der Nachkriegszeit führte insbesondere Enkel Heinz Breuninger das Erbe fort und baute Breuninger zu einem der bekanntesten Kaufhäuser Deutschlands aus. Unter Heinz’ Führung entstand etwa die erste Kundenkarte eines deutschen Warenhauses und Breuninger positionierte sich immer stärker im Luxussegment.
Heinz Breuninger gründete 1968 gemeinsam mit seiner Tochter Helga Breuninger die gemeinnützige Breuninger-Stiftung. Diese Stiftung sollte später für die Eigentümerstruktur eine zentrale Rolle spielen. Als Heinz Breuninger 1980 plötzlich im Alter von nur 60 Jahren starb, war die Nachfolge ungewöhnlich geregelt: Obwohl Helga Breuninger seine Alleinerbin war, übertrug er die operative Unternehmensführung an Willem G. van Agtmael, einen engen Vertrauten und Manager im Unternehmen. Helga Breuninger selbst widmete sich fortan hauptsächlich der Stiftungsarbeit, da ihr Vater ihr zwar vertraute, aber die Leitung des Tagesgeschäfts nicht zutraute.
Warum ging die Unternehmensführung nicht an ein Familienmitglied? Heinz Breuninger war enttäuscht, dass außer Helga kein Familienangehöriger bereit oder fähig schien, ins Unternehmen einzutreten. Sein einziger Sohn (Helgas Bruder) war Mitte der 1960er bei einem Unfall verstorben, und anderen Familienmitgliedern traute er die Firmenleitung nicht zu. Daher entschied er sich vor seinem Tod für eine Stiftungskonstruktion, um das Unternehmen zu bewahren. Die Heinz-Breuninger-Stiftung hielt nach 1980 80 % der Unternehmensanteile an Breuninger; die restlichen 20 % lagen direkt bei der Familie (dazu später mehr). Vorstände der Stiftung waren neben Helga Breuninger u.a. Willem van Agtmael und der Jurist Dr. Wienand Meilicke, der als Testamentsvollstrecker von Heinz Breuninger fungierte. Ziel dieser Konstruktion war es, Breuninger unabhängig zu halten und Streit um das Erbe zu vermeiden.
Im Jahr 2004 kam es zu einer entscheidenden Wendung: Helga Breuninger – inzwischen alleinige Erbin der aufgelösten Stiftung – drängte auf eine Aufhebung der Stiftungskonstruktion, um das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Durch die Auflösung der Heinz-Breuninger-Stiftung fielen die 80 % Unternehmensanteile an Helga Breuninger zurück. Helga entschied sich, das Unternehmen in neue Hände zu übergeben: Noch im selben Jahr verkaufte sie je 40 % der Anteile an Willem van Agtmael und an Wienand Meilicke. Der Verkauf erfolgte zu einem vergleichsweise geringen Preis von rund 41 Millionen Euro – ein „Freundschaftspreis“, wie das Landgericht Stuttgart später feststellte. Van Agtmael, der das Unternehmen seit 1980 operativ geführt hatte, und Meilicke, der als Berater und Jurist das Vertrauen der Familie genoss, wurden damit die neuen Mehrheitseigentümer.
Warum dieser Schritt? Helga Breuninger wollte sich voll auf ihre gemeinnützigen Projekte konzentrieren und wirtschaftlich unabhängig vom Kaufhausgeschäft werden. Zudem vertraute sie darauf, dass van Agtmael und Meilicke das Unternehmen in ihrem Sinne weiterführen würden. Tatsächlich blieben beide der Firma lange eng verbunden: Willem G. van Agtmael war bis 2012 Vorsitzender der Geschäftsleitung, Wienand Meilicke zog im Hintergrund die Fäden. Eine ursprünglich angedachte Beteiligung weiterer früherer Stiftungsvorstände (wie Wolfgang Blumers) scheiterte zwar und führte zu Rechtsstreitigkeiten, doch letztlich bestätigte das Oberlandesgericht 2016 die Eigentumsverhältnisse zugunsten von van Agtmael und Meilicke.
Heute befindet sich Breuninger vollständig in Privatbesitz – verteilt auf drei Familienstämme. Anders als viele große Einzelhandelsunternehmen, die von internationalen Konzernen übernommen wurden, ist Breuninger also weiterhin in deutscher Hand. Die Eigentumsverteilung stellt sich wie folgt dar:
Familie van Agtmael (40 %) – Dies ist die Familie des langjährigen Breuninger-Chefs Willem G. van Agtmael. Van Agtmael, ein gebürtiger Niederländer, kam 1973 ins Unternehmen und wurde von Heinz Breuninger als Nachfolger aufgebaut. Seit dem Erwerb der Anteile 2004 hält seine Familie 40 % am Unternehmen. Van Agtmael selbst prägte Breuninger über Jahrzehnte und gilt als Garant dafür, dass Tradition und Erneuerung verbunden wurden. Seine Familie zählt heute zu den Haupteigentümern.
Familie Meilicke (40 %) – Dr. Wienand Meilicke und seine Familie halten ebenfalls 40 % der Anteile. Meilicke, ein Rechtsanwalt aus Bonn, war Testamentsvollstrecker von Heinz Breuninger und enger Berater der Familie. Durch seine juristische und strategische Begleitung beim Übergang 2004 erwarb er einen gleichgroßen Anteil wie van Agtmael. Die Familie Meilicke agiert eher im Hintergrund, ist aber als Miteigentümer maßgeblich an strategischen Entscheidungen beteiligt. Wienand Meilicke selbst betonte nach Beilegung aller Rechtsstreitigkeiten zufrieden, dass es „keine Ansprüche Dritter auf eine Beteiligung an Breuninger“ gebe – die Besitzverhältnisse sind also klar geregelt.
Familien Bretschneider/Seidel (20 %) – Die restlichen 20 % liegen bei den Familien Bretschneider und Seidel. Diese Namen sind weniger öffentlich bekannt. Historisch handelt es sich um Nachkommen bzw. Verwandte der Gründerfamilie Breuninger oder langjährige Vertraute: So war etwa Walter Bretschneider ein Mitgeschäftsführer der Breuninger-Stiftung neben Helga Breuninger. Die Familien Bretschneider und Seidel stammen also aus dem näheren Umfeld der Breuningers und bewahren mit ihrem Anteil ein Stück der ursprünglichen Familientradition. Zusammen halten sie 20 % der Firmenanteile, was ihre Rolle als Juniorpartner in der Eigentümerstruktur definiert.
Diese dreigeteilte Eigentümerstruktur (40/40/20) ist auch in unabhängigen Rankings bestätigt: Breuninger wird in Listen großer deutscher Familienunternehmen explizit mit den Familien van Agtmael, Meilicke sowie Bretschneider/Seidel als Eigentümern geführt. Damit ist klar: Breuninger gehört keiner einzigen Person oder einer Aktiengesellschaft, sondern drei privaten Familien bzw. Familiengesellschaften, die das Unternehmen eigenständig führen.
Obwohl Breuninger ein Familienunternehmen in oben genanntem Sinne ist, wird es heute nicht mehr von Mitgliedern der Gründerfamilie Breuninger operativ geleitet. Stattdessen wurde die Geschäftsführung in professionelle Hände gelegt. Bereits 2012 zog sich Willem van Agtmael aus der operativen Leitung zurück; an seine Stelle trat zunächst sein Vertrauter Willy Oergel als CEO. Seit September 2017 liegt die operative Führung bei Holger Blecker. Blecker ist ein erfahrener Manager, der schon seit 1990 im Unternehmen tätig ist und zuvor als Einkaufschef fungierte. Er ist kein Mitglied einer der Eigentümerfamilien, sondern ein angestellter Geschäftsführer.
Die Eigentümerfamilien üben ihre Kontrolle über ein Beiratsgremium aus. Die Unternehmensleitung berichtet an einen Beirat, der mit Vertretern der Teilhaber-Familien besetzt ist. Dieses Gremium wacht über die strategische Ausrichtung und wichtige Entscheidungen. Die tägliche Geschäftsführung hingegen obliegt dem Management-Team um Holger Blecker. Diese Trennung zwischen Eigentum und Geschäftsführung ist typisch für viele große Familienunternehmen: Sie ermöglicht professionelles Management, während die Eigentümer die langfristigen Werte und Ziele vorgeben.
Holger Blecker selbst betont, dass Breuninger trotz branchenweiter Herausforderungen erfolgreich ist und insbesondere im Online-Handel kräftig wächst. 2023 erwirtschaftete Breuninger rund 1,5 Mrd. € Umsatz – über die Hälfte davon online – und beschäftigte etwa 6.500 Mitarbeiter. Diese Zahlen zeigen, dass das Unternehmen unter der aktuellen Führung profitabel arbeitet, wenn auch mit moderaten Gewinnen. Die Eigenkapitalquote liegt bei soliden ~29 %, was auf eine konservative Finanzpolitik der eigentümergeführten BSG-Beteiligungsgesellschaft (Holding der Familien) hindeutet.
Die Frage „Wem gehört Breuninger?“ ist nicht nur aus Neugier spannend, sondern hat auch wirtschaftspolitische Relevanz. Breuninger ist eines der letzten großen deutschen Warenhausunternehmen in Familienbesitz – im Gegensatz etwa zu KaDeWe (teilweise von internationalen Investoren übernommen) oder Galeria Karstadt Kaufhof (nach Insolvenzen in Händen externer Investoren). Aktuell steht jedoch ein möglicher Verkauf im Raum: Im August/September 2024 wurde bekannt, dass die Eigentümerfamilien einen Käufer für Breuninger suchen. Die Luxus-Warenhauskette ist kein Sanierungsfall wie manch anderer Konkurrent, sondern ein profitables Unternehmen – gerade das weckt Interesse bei potenziellen Käufern im In- und Ausland. Schätzungen zufolge könnte Breuninger inklusive der begehrten Immobilien einen Wert von rund 2,5 Mrd. € erzielen. Unter den Interessenten wurden etwa die thailändische Central Group (Eigentümerin des KaDeWe) oder der US-Investor Richard Baker (Galeria-Käufer) genannt – ja sogar Amazon soll Übernahmegedanken gehabt haben.
Allerdings gestaltet sich der Verkaufsprozess bislang schwierig. Laut Wirtschaftswoche verläuft die Investorensuche zäh und stößt intern auf Unmut. Bis Ende 2024 lagen zwar zahlreiche Interessensbekundungen vor, doch ein Abschluss war noch nicht in Sicht. Stand September 2025 befindet sich Breuninger weiterhin im Besitz der genannten Familien, ein Verkauf ist (noch) nicht erfolgt. Ob die Eigentümerfamilien letztlich „Kasse machen“ und das Traditionsunternehmen abgeben, bleibt offen. Für Stuttgart – den Stammsitz – und die Belegschaft wäre ein Verkauf eine Zäsur, würde er doch die Ära des Familienunternehmens Breuninger beenden.
Breuninger gehört derzeit drei Familien und ist damit ein rein privat geführtes Unternehmen. Die Familie van Agtmael und die Familie Meilicke halten mit je 40 % die Mehrheit, gefolgt von den Familien Bretschneider/Seidel mit 20 %. Dieses Modell hat dem Unternehmen über Jahrzehnte Stabilität gegeben und dafür gesorgt, dass Tradition und Innovation Hand in Hand gehen – ganz im Sinne des Firmengründers. Die Eigentümer legen großen Wert darauf, das Erbe des Hauses zu bewahren und gleichzeitig zukunftsfähig zu bleiben. Sollte es dennoch zu einem Verkauf kommen, würde Breuninger erstmals in seiner Geschichte nicht mehr „der Familie“ gehören. Bis dahin jedoch bleibt die Antwort auf die Frage „Wem gehört Breuninger?“: Breuninger gehört einer deutschen Unternehmerfamilie – genauer gesagt einem Verbund aus drei Familien –, die das Unternehmen als unabhängige Privatgesellschaft führen. Damit ist Breuninger in einer immer konzerndominierten Handelswelt eine bemerkenswerte Ausnahme – ein Traditionsunternehmen in den Händen seiner langjährigen Eigentümer.
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