Erstellt von Lana

Varta insolvent? Wie es um den Batteriehersteller wirklich steht

Droht Varta die Insolvenz oder ist der traditionsreiche Batteriehersteller vorerst gerettet? Diese Frage beschäftigt Aktionäre, Mitarbeiter und die deutsche Öffentlichkeit seit Monaten. Varta AG, einst als Hoffnungsträger der deutschen Batterieindustrie gefeiert, geriet 2023/24 in eine schwere Krise. Hohe Schulden, Fehlinvestitionen und ein Einbruch des Aktienkurses schürten Spekulationen über eine mögliche Pleite. Doch nach intensiver Recherche zeichnet sich ein klares Bild ab: Varta ist aktuell nicht insolvent. Durch ein drastisches Sanierungsprogramm konnte das Unternehmen die drohende Zahlungsunfähigkeit abwenden und hat frisches Kapital erhalten. Allerdings war dies ein schmerzhafter Prozess, insbesondere für die bisherigen Aktionäre. Nach eigener Aussage hat Varta den Sanierungsplan Anfang 2025 erfolgreich abgeschlossen und kann nun wieder eigenständig in die Zukunft investieren. Im Folgenden beleuchtet dieser Artikel detailliert die Hintergründe der Varta-Krise, die durchgeführten Rettungsmaßnahmen und die aktuelle Situation des Unternehmens.

Hintergrund: Vom Börsenliebling zum Sorgenkind

Varta kann auf eine lange Historie zurückblicken, gegründet 1887, entwickelte sich das Unternehmen aus Ellwangen (Baden-Württemberg) zu einem renommierten Hersteller von Batterien und Energiespeichern. Noch vor wenigen Jahren galt Varta als Börsenliebling: Der Spezialist für Mini-Batterien, etwa für kabellose Kopfhörer, Hörgeräte und andere Elektronik, profitierte vom Boom mobiler Geräte. 2020 erhielt Varta im Rahmen europäischer Initiativen rund 300 Millionen Euro staatliche Fördergelder, um die Batteriezellproduktion in Deutschland auszubauen. Das Unternehmen kündigte damals ambitionierte Projekte an, zum Beispiel die Entwicklung eigener Lithium-Ionen-Zellen für Elektroautos. Die Aussicht, ein deutscher Akteur könne bei E-Auto-Batterien mitmischen, löste Euphorie aus. Varta wagte den Schritt in die Elektromobilität mit der V4Drive-Zelle, einer Hochleistungs-Batteriezelle, die insbesondere für Sportwagen und Hybridfahrzeuge gedacht war.

Doch dieser Expansionskurs geriet ins Stocken. Mehrere der neuen Projekte entpuppten sich als Fehlinvestitionen. Vor allem in der Autobatterie-Sparte lief nicht alles nach Plan, die erhofften Großaufträge blieben aus. Varta hatte in eine teure Produktionslinie für die V4Drive-Zelle investiert, aber die Nachfrage entsprach nicht den Erwartungen. Parallel dazu schwächelte auch das Kerngeschäft mit Kleinstbatterien: Konkurrenz aus Asien und Überkapazitäten drückten auf Margen. Zusätzliche Rückschläge wie ein schwerer Cyberangriff im Februar 2023, der wochenlang die Produktion lahmlegte und die rechtzeitige Veröffentlichung des Geschäftsberichts verhinderte, verschärften die Lage. Die Folge: Bereits 2023 begann Varta massiv Kosten zu sparen. Weltweit wurden rund 800 Stellen gestrichen, weitere 150 Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. Trotz dieses harten Sparkurses steuerte das Unternehmen weiter auf eine finanzielle Schieflage zu.

Hohe Schulden und drohende Zahlungsunfähigkeit

Ende 2023 war Varta faktisch bilanziell überschuldet, wie CEO Michael Ostermann offen einräumte. Die Verbindlichkeiten summierten sich auf knapp 500 Millionen Euro, eine immense Schuldenlast für das mittelständische Unternehmen. Ohne externe Hilfe war Varta nicht mehr in der Lage, aus eigener Kraft ausreichend Geld für dringend nötige Investitionen und den laufenden Betrieb aufzubringen. Die Liquiditätsreserven schrumpften, eine Zahlungsunfähigkeit rückte bedrohlich näher. Spätestens im Sommer 2024 zeichnete sich ab, dass Varta auf eine Insolvenzanmeldung zusteuern könnte, sollte kein Rettungsplan gelingen.

Die Unternehmensführung schlug Alarm und informierte die Öffentlichkeit über die brisante Lage. Ostermann, der im Mai 2024 als Sanierungsexperte an Bord gekommen war, bezifferte den akuten Finanzbedarf: Wir benötigen dringend frisches Kapital im hohen zweistelligen Millionenbereich, erklärte er. Konkret brauchte Varta neben einem Schuldenerlass auch zusätzliche Mittel von rund 100 Millionen Euro, um zahlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig appellierte das Management an die Gläubigerbanken und Anleihegläubiger, einem Schuldenschnitt zuzustimmen. Dieses Szenario, Gläubigerverzicht plus Kapitalerhöhung, sollte den Fortbestand sichern.

Die Alternative, so das mahnende Argument, wäre ein Insolvenzantrag mit weitreichenden Folgen: In einem regulären Insolvenzverfahren drohten eine Zerschlagung des Unternehmens oder zumindest die Vernichtung von Aktionärsvermögen und die Gefährdung vieler Arbeitsplätze. Um dieses Worst-Case-Szenario abzuwenden, musste rasch eine Lösung gefunden werden.

Sanierung unter StaRUG: Kapitalschnitt statt Insolvenzantrag

Angesichts der drohenden Zahlungsunfähigkeit entschied sich Varta für ein außergewöhnliches rechtliches Instrument: das StaRUG-Verfahren. StaRUG steht für Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz, ein seit 2021 in Deutschland verfügbares Gesetz, das eine vorinsolvenzliche Restrukturierung ermöglicht. Vereinfacht gesagt erlaubt StaRUG Unternehmen, die zwar noch nicht formell insolvent sind, bei absehbarer Insolvenzgefahr einen gerichtlich überwachten Sanierungsplan umzusetzen, außerhalb eines klassischen Insolvenzverfahrens. Varta meldete am 20. Juli 2024 beim Amtsgericht Stuttgart ein solches Verfahren an. Ziel war es, unter gerichtlicher Aufsicht die Schuldenlast zu reduzieren und frisches Kapital zuzuführen, ohne jedoch offiziell Insolvenz anmelden zu müssen.

Im Kern sah Vartas Sanierungsplan zwei scharfe Einschnitte vor: einen Schuldenschnitt und einen Kapitalschnitt. Erstens sollten die Schulden von rund 485 Millionen Euro um mehr als die Hälfte reduziert werden. Zweitens sollte das Grundkapital der Varta auf Null herabgesetzt werden. Dieser Kapitalschnitt bedeutete, dass sämtliche bestehenden Aktionäre ihre Anteile verlieren würden. Die bisherigen Varta-Aktien wurden komplett entwertet und von der Börse genommen. Für die Anteilseigner, darunter viele Kleinanleger, kam dies einer Enteignung gleich. Noch am Freitag vor Bekanntwerden des Plans betrug der Börsenwert der Varta AG rund 440 Millionen Euro; am Montag nach der Ankündigung stürzte der Aktienkurs zeitweise um 80 Prozent ab. Die Rettung war nur unter Totalverlust der Aktionäre machbar.

Der harte Einschnitt für die Eigentümer wurde seitens des Managements als unumgänglich dargestellt. Die Enteignung der Aktionäre war ein erforderlicher Schritt, begründete Ostermann später. Um neue Investoren zu überzeugen, musste Varta finanziell entkernte Strukturen bieten, also ein Unternehmen ohne Altlasten. Die Altaktionäre gingen leer aus, damit im Gegenzug neues Kapital fließen konnte. Im Dezember 2024 bestätigte das Restrukturierungsgericht Stuttgart den Sanierungsplan. Anfang 2025 wurde dieser rechtskräftig – die Insolvenz war abgewendet.

Neue Investoren bringen frisches Kapital – Porsche steigt ein

Parallel zur Reduzierung der Schulden musste dringend neues Kapital ins Unternehmen fließen, um die Liquidität zu sichern. Varta verhandelte hierzu mit potenziellen Investoren. Bereits im Sommer 2024 wurde bekannt, dass Porsche als Retter in Betracht kam. Porsche interessierte sich vor allem für Vartas Batterietechnologie und hatte ein strategisches Interesse daran, diese Schlüsseltechnologie am Standort Deutschland zu erhalten. Zugleich signalisierte der langjährige Mehrheitseigner Michael Tojner Bereitschaft, weiteres Geld nachzuschießen.

Schließlich formierten sich Porsche und Tojner als die Retter: Insgesamt 120 Millionen Euro steuerten sie zur Finanzierung bei. Davon wurden 60 Millionen Euro direkt als Eigenkapital eingebracht, weitere 60 Millionen Euro stellte man als Super-Senior-Darlehen zur Verfügung. Diese Kombination stärkte die Finanzbasis erheblich. Die Gesamtverschuldung wurde auf rund 230 Millionen Euro reduziert – weniger als die Hälfte des ursprünglichen Schuldenbergs. Mit Porsche und Tojners Firma als neue Anteilseigner fließt nun nicht nur Geld, sondern auch strategische Unterstützung. Gemeinsam mit Varta gründete Porsche das Joint Venture V4Smart, das sich auf Hochleistungs-Lithiumzellen spezialisiert. Die neue Zelle soll künftig in leistungsfähigen Verbrennermodellen eingesetzt werden und Porsche technologische Vorteile sichern.

Aktuelle Situation 2025: Neubeginn nach der Rettung

Ist Varta nun pleite? Nein. Dank der oben skizzierten Maßnahmen konnte die Insolvenz abgewendet werden. Das Unternehmen hat den finanziellen Kollaps vorerst verhindert und befindet sich nun in einer Phase des Neubeginns, wenngleich mit deutlich veränderten Vorzeichen. Seit März 2025 ist Varta nicht mehr an der Börse notiert. Die alten Aktien wurden ausgebucht, die bisherigen Aktionäre gingen leer aus. Varta ist damit wieder ein privates Unternehmen im Besitz weniger Anteilseigner. Die Mitarbeiterzahl sank durch den Stellenabbau auf etwa 4200. Auch 2025 wird weiter an der Effizienz gearbeitet. Operativ erzielte Varta 2024 noch rund 793 Millionen Euro Umsatz – ob und wann das Unternehmen wieder Gewinne schreiben wird, bleibt abzuwarten. Ostermann betont, man habe durch die Sanierung nun die Freiheit zurückgewonnen, wieder in Innovationen zu investieren. In den kommenden Jahren will Varta sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren, die Produktion von Batteriezellen, und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Die Produktions- und Forschungsstandorte in Deutschland sollen gehalten und ausgebaut werden. Bis Ende 2026 peilt man an, wieder profitabel zu wachsen.

Zu Beginn des Jahres 2025 konnte Ostermann vermelden: Wir haben den schmerzlichen Prozess abgeschlossen. Varta sei nicht mehr überschuldet und wieder handlungsfähig. Die drastischen Schritte hätten sich als notwendig erwiesen, um das Überleben zu sichern. Für die Region Ostalbkreis, wo Varta ein wichtiger Arbeitgeber ist, bedeutet der Fortbestand des Unternehmens Aufatmen. Hunderten Beschäftigten blieb der Jobverlust erspart. Durch das Joint Venture mit Porsche entstehen zudem neue Arbeitsplätze, und die Zusammenarbeit könnte Varta Zugang zu neuen Anwendungsfeldern verschaffen.

Fazit: Kein akutes Insolvenzrisiko, aber Herausforderungen bleiben

Nach eingehender Betrachtung lässt sich die eingangs gestellte Frage klar beantworten: Varta ist derzeit nicht insolvent und steht aktuell nicht unmittelbar vor der Pleite. Ja, der Batteriehersteller war 2024 in einer existenzbedrohenden Krise und beinahe zahlungsunfähig. Doch durch das StaRUG-Sanierungsverfahren, den erheblichen Schuldenerlass und die Finanzspritze zweier Großinvestoren wurde das Schlimmste abgewendet. Varta musste dafür einen hohen Preis zahlen – vor allem die bisherigen Eigentümer verloren ihr Investment vollständig. Das Unternehmen selbst jedoch lebt weiter. Es hat nun eine deutlich geringere Schuldenlast, neue Anteilseigner mit Branchen-Know-how und wieder Luft zum Atmen. Eine klassische Insolvenzanmeldung konnte vermieden werden.

Allerdings bedeutet die überstandene Restrukturierung keine Entwarnung für alle Zeiten. Varta steht nun vor der Aufgabe, das Vertrauen von Kunden und Geschäftspartnern zurückzugewinnen und seine Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Die Konkurrenz aus Asien bleibt hart, und die nächsten Jahre bis 2027 gelten als entscheidend: Bis dahin sollen die eingeleiteten Maßnahmen greifen und Varta wieder auf Kurs bringen. Zum aktuellen Zeitpunkt 2025 lässt sich jedoch festhalten: Varta ist nicht pleite. Das Unternehmen hat die Insolvenzgefahr gebannt und einen Neuanfang gestartet. Ob dieser von dauerhaftem Erfolg gekrönt sein wird, muss sich zeigen – doch die Weichen dafür sind gestellt.

Übersicht der Sanierungsmaßnahmen:

  • Schuldenschnitt von etwa 485 Millionen Euro auf rund 230 Millionen Euro
  • Kapitalschnitt auf Null – alte Aktionäre ausgeschieden
  • Kapitalerhöhung über 60 Millionen Euro durch Tojner und Porsche
  • Neues Darlehen über 60 Millionen Euro
  • Delisting im März 2025

Damit hat Varta die Grundlage geschaffen, um die Frage aller Fragen mit Nein, noch nicht insolvent beantworten zu können.

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