Nervosität in der Branche: In Deutschland kursieren Gerüchte, dass der Glasfaser-Netzbetreiber Deutsche Glasfaser finanziell ins Wanken geraten sein könnte. Verzögerte Bauprojekte, Insolvenzen von Baufirmen und hohe Verluste haben die Frage aufgeworfen, ob dem Vorreiter im ländlichen Breitbandausbau eine Insolvenz droht. Kunden, Kommunen und Brancheninsider sind verunsichert und fragen sich: Ist die Deutsche Glasfaser in Zahlungsschwierigkeiten oder gar pleite? Dieser Bericht beleuchtet die aktuelle Lage des Unternehmens im Jahr 2025, liefert Hintergründe zu Finanzen und Marktbedingungen und gibt eine faktenbasierte Einschätzung, ob eine Pleite tatsächlich im Raum steht oder nicht.
Die Deutsche Glasfaser wurde 2011 mit dem Ziel gegründet, vor allem ländliche Regionen in Deutschland mit schnellen Internetanschlüssen über Fiber To The Home (FTTH) zu versorgen. In Bereichen, die große Telekommunikationsanbieter lange vernachlässigt hatten, wuchs das Unternehmen rasant. Einen entscheidenden Schub gab es 2020, als zwei finanzstarke Geldgeber einstiegen: Der schwedische Infrastrukturfonds EQT Infrastructure und der kanadische Pensionsfonds OMERS übernahmen die Deutsche Glasfaser und fusionierten sie mit dem regionalen Anbieter Inexio. EQT hält seither 51 Prozent und OMERS 49 Prozent der Anteile, verbunden mit dem Versprechen, über 7 Milliarden Euro in den weiteren FTTH-Ausbau zu investieren.
Dank dieser kapitalstarken Investoren verfolgte Deutsche Glasfaser einen aggressiven Expansionskurs. Heute verfügt sie über eines der größten Glasfasernetze Deutschlands mit rund 2,1 Millionen gebauten FTTH-Anschlüssen (Homes Passed) bis Ende 2023. Zum Vergleich: Die Deutsche Telekom kam zu diesem Zeitpunkt landesweit auf etwa 8 bis 10 Millionen FTTH-fähige Haushalte. Ursprünglich peilte Deutsche Glasfaser an, bis Ende 2025 etwa 4 Millionen Haushalte zu erschließen und langfristig 6 Millionen. Damit wäre sie der mit Abstand größte privat finanzierte Glasfasernetzbetreiber neben der Telekom. Die Fusion mit Inexio 2021 erweiterte die Präsenz auf zahlreiche Bundesländer. Das Unternehmen betonte wiederholt, man sei einer der finanziell stärksten Betreiber am Markt, getragen von den Milliarden der Eigentümer. Doch das hohe Wachstumstempo und massive Vorab-Investitionen gingen von Anfang an mit beträchtlichen Verlusten einher, was Spekulationen über finanzielle Probleme nährt.
Zahlen zeigen ein zweischneidiges Bild: Einerseits erzielt Deutsche Glasfaser stark wachsende Umsätze durch immer mehr angeschlossene Kunden, andererseits schreibt das Unternehmen weiterhin hohe Verluste. Im Geschäftsjahr 2022 erwirtschaftete Deutsche Glasfaser einen Umsatz von rund 345,8 Millionen Euro, verbuchte jedoch gleichzeitig einen Jahresverlust von über 1 Milliarde Euro. Ein Großteil dieses Fehlbetrags resultierte aus Abschreibungen auf Netzinfrastruktur und Firmenwerte in Höhe von über 900 Millionen Euro im Jahr 2022.
2023 konnte der Umsatz auf etwa 405,6 Millionen Euro gesteigert werden, unter anderem dank zahlreicher neuer Kundenanschlüsse. Der Jahresverlust ging deutlich zurück, lag aber immer noch bei minus 389,5 Millionen Euro netto. Operativ (EBIT) schrieb die Firma 2023 etwa minus 196 Millionen Euro Verlust, eine spürbare Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. Mit anderen Worten: Das Kerngeschäft bewegt sich in Richtung Breakeven, ist aber noch nicht aus den roten Zahlen heraus. Auffällig ist zudem der massive Anstieg der Zinsbelastung: 2023 fielen über 271 Millionen Euro an Zinsaufwendungen an, etwa doppelt so viel wie 2022. Hintergrund sind die milliardenschweren Kredite, welche Deutsche Glasfaser für den Netzausbau aufgenommen hat. Insgesamt verfügt das Unternehmen über Kreditlinien von rund 7 Milliarden Euro mit Endfälligkeit 2031.
Um den kostspieligen Ausbau weiter stemmen zu können, wurde im September 2024 eine zusätzliche Finanzierung über 1,25 Milliarden Euro aufgenommen. Diese Mittel stammen aus einer Aufstockung des bestehenden Kreditsyndikats, ergänzt durch frisches Eigenkapital der Eigentümer EQT und OMERS. Trotz dieser Finanzspritzen bleibt die Finanzierung des rasanten Wachstums eine Herausforderung – die hohen jährlichen Investitionen und Zinskosten übersteigen nach wie vor die laufenden Einnahmen.
Obwohl Deutsche Glasfaser keinen Insolvenzantrag gestellt hat und nach außen betont, finanziell solide aufgestellt zu sein, kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Unruhe und Spekulationen. Mehrere Indizien sorgten bei Beobachtern für Zweifel an der Stabilität des Unternehmens.
Personalwechsel in der Finanzführung: Anfang 2023 verließ der langjährige Finanzchef Jens Müller überraschend das Unternehmen. Übergangsweise übernahm Finanzdirektor Christian van den Boom, bevor zum 1. Januar 2024 die erfahrene Managerin Anna Dimitrova als neue Finanzchefin antrat. Die Neubesetzung zeigt zwar, dass die Eigentümer weiterhin auf professionelles Management setzen, dennoch konnten Gerüchte um interne Probleme damit nicht vollständig ausgeräumt werden.
Projektverzögerungen und Baustopps: In mehreren Regionen klagten Lokalpolitiker über massiv verspätete oder abgebrochene Glasfaserprojekte der Deutschen Glasfaser. Ein prominentes Beispiel ist der Landkreis Südliche Weinstraße in Rheinland-Pfalz, wo das Unternehmen im März 2025 bekanntgab, dass man in 19 Gemeinden doch keinen eigenwirtschaftlichen Ausbau durchführen werde. Als Gründe nannte die Unternehmensführung die Insolvenz eines wichtigen Subunternehmers sowie drastisch gestiegene Baukosten. Die betroffenen Gemeinden hatten teils jahrelang auf den Ausbau gewartet und fühlen sich nun im Stich gelassen. Der Rückzug aus diesen Orten ist ein Rückschlag und lässt auf ernsthafte Kalkulationsprobleme schließen.
Lokale Insolvenz-Gerüchte: In Orten mit langen Baustopps, etwa Rangendingen in Baden-Württemberg, machten zuletzt Gerüchte die Runde, die Deutsche Glasfaser selbst sei insolvent. Das Unternehmen sah sich gezwungen, öffentlich zu reagieren. Pressesprecherin Diana Stiebe wies die Spekulationen entschieden zurück und betonte, dass die Verträge bestehen bleiben. Sie verwies darauf, dass sich die Deutsche Glasfaser erst kürzlich zusätzlich 1,25 Milliarden Euro Fremdkapital gesichert habe. Solche öffentlichen Dementis sollen Kunden und Partner beruhigen: Verträge behalten ihre Gültigkeit, der Ausbau wird fortgeführt und bereits verlegte Anschlüsse bleiben nutzbar.
Insolvenzen in der Lieferkette: Zwar ist die Deutsche Glasfaser selbst nicht insolvent, jedoch waren wichtige Partnerfirmen betroffen. Besonders schwer wog die Pleite der Soli Infratechnik GmbH im Mai 2024, ein hannoversches Tiefbauunternehmen mit rund 700 Beschäftigten. Dessen Insolvenz führte dazu, dass etliche Baustellen neu vergeben oder ganz aufgegeben werden mussten. Darüber hinaus meldeten weitere Tiefbau- und Glasfaserfirmen Insolvenz an, etwa HelloFiber und Glasfaser Direkt. Die Summe dieser Probleme hat das Bild der einstigen Erfolgsstory getrübt: Aus der Euphorie der Glasfaser-Goldgräberstimmung um 2020 ist eine Phase der nüchternen Bestandsaufnahme geworden.
Ein Blick auf den gesamten deutschen Glasfasermarkt zeigt, dass die Deutsche Glasfaser kein Einzelfall ist. Die gesamte Branche steht unter Druck, trotz des rasanten Ausbautempos der letzten Jahre. Experten sprechen von einer möglichen Konsolidierungswelle, da kleinere Anbieter finanziell ins Wanken geraten. Einige Wettbewerber haben bereits Fusionen angekündigt, um im harten Wettbewerb zu bestehen. Solche Zusammenschlüsse zeigen, dass Investoren weiterhin an das Geschäftsmodell glauben, aber auch, dass der Markt überhitzt ist.
Ein zentrales Problem ist der harte Wettbewerb und der sogenannte Überbau. In der Anfangsphase profitierten alternative Anbieter wie Deutsche Glasfaser davon, dass sie oft als Erste bisher unversorgte Gemeinden erschließen konnten. Inzwischen bauen mehrere Betreiber parallel am gleichen Ort, was die Wirtschaftlichkeit schmälert. Auch große Player wie die Telekom und Vodafone haben ihr Tempo erhöht. Der parallele Ausbau führt zu ineffizienten Doppelstrukturen und verschärft den Konkurrenzdruck.
Parallel haben sich die Rahmenbedingungen verschlechtert. Die Inflation treibt die Preise für Material, Tiefbau und Personal in die Höhe. Glasfaserkabel, Bauleistungen und Komponenten sind teurer als ursprünglich kalkuliert. Gleichzeitig verteuern steigende Zinsen die Finanzierung und erschweren neue Investitionen. Hinzu kommt eine gedämpfte Nachfrage: Viele Haushalte zögern, auf die teureren Glasfaser-Tarife umzusteigen, solange bestehende Anschlüsse noch ausreichen. So entstehen Überkapazitäten, die kurzfristig auf die Rentabilität drücken.
Angesichts der beschriebenen Probleme hat die Deutsche Glasfaser begonnen, Kurskorrekturen vorzunehmen und sich für die Zukunft zu wappnen. Das Unternehmen sucht weiterhin nach Kapital, um den Netzausbau zu vollenden, bis die Kundenerlöse ausreichen, um profitabel zu arbeiten. Neben neuen Investoren prüfen die Eigentümer EQT und OMERS zusätzliche Eigenkapitalzuführungen. Ziel ist es, die Liquidität langfristig zu sichern und die Ausbauziele nicht zu gefährden.
Parallel setzt Deutsche Glasfaser auf Kooperationen. So wurde mit Vodafone ein langfristiger Wholesale-Vertrag geschlossen, der Vodafone den Zugang zum Glasfasernetz ermöglicht. Dadurch erhöht sich die Auslastung des Netzes, ohne dass Deutsche Glasfaser selbst jeden Endkunden gewinnen muss. Zudem besteht eine Partnerschaft mit Altice Europe, um bis 2025 mindestens eine Million weitere Anschlüsse zu realisieren. Intern richtet das Unternehmen den Fokus stärker auf wirtschaftlich rentable Gebiete und arbeitet an effizienteren Bauprozessen.
Darüber hinaus bemüht sich die Deutsche Glasfaser um Transparenz und aktive Kommunikation mit Kommunen und Kunden. Informationsveranstaltungen und Gespräche vor Ort sollen Vertrauen zurückgewinnen und Missverständnisse vermeiden. Diese Dialogstrategie soll helfen, Gerüchte zu entkräften und die Akzeptanz für den Glasfaserausbau zu stärken.
Nach intensiver Betrachtung der Fakten lässt sich festhalten: Die Deutsche Glasfaser ist Ende 2025 nicht pleite und auch nicht akut von Insolvenz bedroht. Es gibt keine Anzeichen für Zahlungsunfähigkeit oder Insolvenzanträge. Im Gegenteil, das Unternehmen hat seine Finanzierung zuletzt gestärkt und wird weiterhin von seinen Großinvestoren unterstützt. Für Kunden, Mitarbeiter und Kommunen bedeutet das: Ein plötzliches Aus der Deutschen Glasfaser ist derzeit nicht zu befürchten.
Allerdings steht das Unternehmen vor erheblichen Herausforderungen. Die Verluste der vergangenen Jahre waren hoch, der Wettbewerb ist härter geworden und die Finanzierung bleibt teuer. Um dauerhaft erfolgreich zu bleiben, muss die Deutsche Glasfaser ihr Ausbautempo anpassen, effizienter wirtschaften und den Kundenzuwachs beschleunigen. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob das Unternehmen den Sprung in die Gewinnzone schafft.
Im Moment spricht jedoch vieles dafür, dass die Deutsche Glasfaser ihren Weg fortsetzen kann. Mit soliden Investoren im Rücken, klaren Maßnahmen zur Stabilisierung und wachsendem Marktanteil bleibt sie ein zentraler Akteur im deutschen Glasfaserausbau. Eine Insolvenz ist derzeit nicht in Sicht.
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