In den vergangenen Monaten kursierten Gerüchte, der deutsche Baumarkt-Verbund Hagebau (Hagebaumarkt) stehe vor finanziellen Schwierigkeiten oder gar der Insolvenz. Auslöser war die Insolvenz eines einzelnen Hagebaumarkt-Standorts und die Nachricht, dass mehrere Märkte zur Konkurrenz wechseln. Doch aktuell ist Hagebaumarkt nicht von einer Pleite bedroht. Das Unternehmen befindet sich zwar in einer branchenweiten Krise und im Umbruch, steht finanziell aber weiterhin auf solidem Fundament. Zahlungsschwierigkeiten oder eine drohende Insolvenz sind derzeit nicht erkennbar. Im Gegenteil: Die Kooperation erwirtschaftet weiterhin Gewinne und investiert in ihre Zukunft. Wie passen diese Fakten zur Alarmstimmung? Ein Blick auf die Hintergründe von der lokalen Insolvenz in NRW über Abwanderungen zu Obi bis zur allgemeinen Baumarktkrise zeigt ein differenziertes Bild.
Der jüngste Anlass für Spekulationen war die Insolvenz des Hagebaumarkts Langenfeld in Nordrhein-Westfalen. Nach fast vier Jahrzehnten Betrieb musste dieser einzelne Standort Anfang 2024 Insolvenz anmelden. Bilder vom Räumungsverkauf und mediale Schlagzeilen über eine mögliche Baumarkt-Pleite verbreiteten sich rasch. In der Region sorgte dies für Unruhe: Kunden und Beobachter fragten sich, ob weitere Hagebaumärkte betroffen seien, etwa sogar das große Zentrallager im bayerischen Burgau, das Hunderte Märkte beliefert.
Die Hagebau-Unternehmensleitung reagierte schnell und stellte unmissverständlich klar: Die Insolvenz betrifft nur den Hagebaumarkt Langenfeld und ist damit ein Einzelfall. Weder die rund 600 anderen Verkaufsstandorte, betrieben von über 350 rechtlich selbstständigen Gesellschaftern, noch die Hagebau-Kooperation selbst seien betroffen. Mit anderen Worten: Die Pleite in Langenfeld ist kein Anzeichen für eine Ketten-Insolvenz, sondern ein lokaler Sonderfall. Dieses Statement wurde auch von offizieller Seite verbreitet. Hagebau ist nämlich kein zentral geführtes Filialunternehmen, sondern ein Verbund eigenständiger Händler. Gerät einer dieser regionalen Betreiber in Schieflage, bedeutet das nicht automatisch die Zahlungsunfähigkeit der gesamten Gruppe. So verlief zum Beispiel die Schließung einer anderen Hagebau-Filiale in Österreich ohne Insolvenzverfahren, sondern als geordnete Aufgabe aus wirtschaftlichen Gründen. Für Kunden und Belegschaft der übrigen Hagebaumärkte ist also wichtig zu wissen: Einzelne Markt-Schließungen signalisieren keine akute Pleite der Gesamtmarke.
Um die Lage von Hagebau einzuordnen, lohnt der Blick auf die allgemeine Branchenkrise im deutschen Baumarkt-Sektor. Während der Corona-Pandemie brummten die Baumärkte und erzielten 2020 Rekordumsätze. Doch seither ist die Katerstimmung eingekehrt. Hohe Inflation, gestiegene Energiepreise und eine Abkühlung der Baukonjunktur dämpfen die Kauflaune der Heimwerker. Die gesamte Branche steckt in Schwierigkeiten: Die Umsätze sinken wieder, Kosten steigen, und manche Ketten schließen reihenweise Filialen. Laut dem Handelsverband Heimwerken (BHB) fiel der Gesamtumsatz aller Bau- und Heimwerkermärkte 2023 auf nur noch 20,9 Milliarden Euro, über eine Milliarde weniger als fünf Jahre zuvor. Auch 2024 verlief schwach. Der kurze Pandemie-Boom hat vielerorts zu Überkapazitäten geführt – nun werden Standorte und Flächen schmerzhaft bereinigt.
Exemplarisch zeigt sich die Krise beim regionalen Anbieter Hellweg: Die Dortmunder Baumarktkette ringt seit 2024 ums Überleben, schließt mehrere verlustreiche Märkte und baut Personal ab. Über zehn Prozent der Stellen wurden gestrichen, Räumungsverkäufe sollen Lagerbestände abbauen. Banken verlangen strikte Sanierungsgutachten, bevor sie weiter Kredite geben – intern heißt es, Hellweg sei als kleinerer Anbieter zu klein, um alleine konkurrenzfähig einzukaufen. Auch gescheiterte Kooperationsgespräche zeigen, wie sehr die Branche unter Konsolidierungsdruck steht.
Ein noch größeres Beben war die Insolvenz der Traditionsfirma Brüder Schlau Gruppe im Sommer 2025, Betreiber der Hammer Baumärkte. Rund 240 Filialen mit fast 4000 Mitarbeitern sind dort betroffen. Selbst größere Ketten wie Toom oder Obi kündigten Filialschließungen an. Ein Kernproblem der Branche ist ein Überangebot an Fläche: Viele Baumärkte sind zu groß dimensioniert, die Kundenfrequenz reicht oft nicht mehr für die hohen Fixkosten. Zugleich belasten steigende Energiepreise und Zinsen die Betriebskosten. Hinzu kommt der Wandel im Kaufverhalten: Jüngere Kunden kaufen seltener im stationären Baumarkt, Online-Konkurrenz und spezialisierte Webshops gewinnen Marktanteile. Wer in diesem Umfeld nicht konsequent auf Digitalisierung und moderne Konzepte setzt, gerät ins Hintertreffen. Branchenkenner rechnen mit einer Marktbereinigung, an deren Ende weniger, aber stärkere Anbieter übrigbleiben. Vor diesem Hintergrund steht auch Hagebau unter Druck, sich neu zu positionieren.
Die Hagebau Handelsgesellschaft mit Sitz in Soltau ist der Verbund hinter rund 330 Hagebaumärkten sowie zahlreichen Baustoff-Fachhandlungen. Nach den Boomjahren profitierte Hagebau zunächst stark vom Heimwerker-Trend, doch seit 2023 stagniert der Umsatz insgesamt. Besonders das professionelle Baustoffhandels-Geschäft schwächelte 2024, während der Einzelhandelsumsatz der Baumärkte leicht zulegte. Diese gegenläufige Entwicklung führte dazu, dass Hagebau einerseits noch Gewinne auswies, andererseits aber an einigen Stellen den Gürtel enger schnallen musste.
Anfang 2025 reagierte die Geschäftsführung mit einem deutlichen Sparkurs. In der Zentrale Soltau wurden 73 Stellen abgebaut, rund neun Prozent der dortigen Belegschaft. Man habe den Personalabbau größtenteils sozialverträglich gestaltet, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Dennoch war der Schritt notwendig, um die Kostenstruktur an die Marktbedingungen anzupassen und Einsparungen in Millionenhöhe zu erzielen. Parallel dazu investiert Hagebau aber gezielt in zukunftsrelevante Bereiche: Digitalisierung, IT-Infrastruktur und eine Omnichannel-Strategie, welche Online-Shop und stationäre Märkte besser verzahnen soll. So will das Unternehmen mittelfristig Kosten senken und wettbewerbsfähig bleiben. Diese Neuausrichtung ist Teil des Transformationsprozesses, den Hagebau derzeit durchläuft, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen.
Finanziell steht die Kooperation trotz aller Herausforderungen auf einem robusten Fundament. 2024 erzielte Hagebau einen Gesamtumsatz von 6,17 Milliarden Euro, zwar ein Rückgang um knapp sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr, was jedoch teils auf interne Umstrukturierungen zurückzuführen ist. Im deutschen DIY-Retail-Markt verzeichnete Hagebau 2024 mit minus 2,6 Prozent den prozentual stärksten Umsatzrückgang unter den großen Ketten. Zum Vergleich: Marktführer Bauhaus wuchs leicht, Obi blieb nahezu stabil, Hornbach legte minimal zu. Konkurrent Toom musste ebenso ein Minus hinnehmen. Das schwächere Abschneiden Hagebaus zeigt den Handlungsbedarf, ist aber noch kein Indiz für Zahlungsunfähigkeit. Trotz Umsatzrückgang schrieb Hagebau weiter schwarze Zahlen und nutzt die Gewinne, um gezielt in Modernisierung zu investieren.
Die vielleicht größte aktuelle Herausforderung für Hagebau ist die Abwanderung einiger Franchise-Partner zur Konkurrenz, insbesondere zum Marktführer Obi. Hagebau ist als Kooperation strukturiert: Viele der 330 Hagebaumärkte gehören mittelständischen Unternehmern, deren Franchiseverträge in den nächsten Jahren auslaufen. So laufen Mitte 2026 zahlreiche Verträge aus, und Obi nutzt die Chance, Hagebau-Partner abzuwerben. Bereits mehrere große Hagebau-Gesellschafter haben 2025 ihren Wechsel zu Obi angekündigt, was insgesamt rund 18 Märkte betrifft. Insider schätzen, dass bis Ende 2025 bis zu 20 Hagebau-Standorte zur Konkurrenz übergehen könnten.
Damit setzt sich ein Trend fort, der Ende 2024 begonnen hat. Erstmals wechselte zum 1. Januar 2025 ein Hagebau-Partner zu Obi: die Gillet Baumarkt GmbH mit ihrem Markt in Landau. In den Monaten danach folgten weitere Wechselankündigungen. Laut Obi handelt es sich um vier große Franchise-Partner von Hagebau mit zusammen 17 Märkten, die alle Anfang 2026 ins Obi-Netz wechseln.
Hintergrund dieser Abwanderungen ist, dass Obi den Hagebau-Franchisenehmern offenbar attraktive Konditionen und Unterstützung beim Markenumbau bietet. Besonders in puncto Digitalstrategie verspricht Obi Vorteile. Mit anderen Worten: Obi lockt mit starker Online-Präsenz und modernem Vertriebssystem. Für Hagebau bedeutet jeder Abgang allerdings, dass das gemeinschaftliche Einkaufsvolumen schrumpft und damit die eigene Verhandlungsposition gegenüber Lieferanten schwächer wird.
Dennoch darf man den Abgesang nicht vorschnell anstimmen: Die Hagebau-Zentrale betont, dass weiterhin über 350 selbstständige Händler Teil der Kooperation sind. Die große Mehrheit der Gesellschafter bleibt Hagebau also treu. Zudem expandiert Hagebau im Ausland weiter, beispielsweise kamen in Österreich jüngst neue Partner hinzu. Der Wettbewerb um Franchise-Partner ist hart, aber Hagebau ist weiterhin ein großer Player mit über 600 Standorten europaweit. Jeder verlorene Markt schmerzt zwar, doch die Kette schrumpft kontrolliert, keineswegs bricht sie plötzlich auseinander.
Warum wandern Partner überhaupt ab? Ein häufig genannter Grund ist Kritik an Hagebau selbst, insbesondere in Bezug auf die Digitalisierung. Ehemalige Führungskräfte monieren, Hagebau habe den Ausbau digitaler Vertriebskanäle in den vergangenen Jahren verschlafen. Während Konkurrenten wie Obi oder Hornbach früh umfassende Onlineshops und digitale Services aufgebaut haben, blieb Hagebau lange beim klassischen Filialgeschäft. Hornbach und Obi haben es wunderbar gemacht, und bei Hagebau war gar nichts, zitiert die WirtschaftsWoche eine frühere Hagebau-Führungskraft über die verpassten Chancen während des Online-Booms. Dieser Rückstand rächt sich nun, da die Kundenfrequenz in vielen Märkten sinkt und der E-Commerce an Bedeutung gewinnt.
Hagebau scheint die Warnsignale jedoch erkannt zu haben. Seit 2024/25 betonen Unternehmensleitung und Gesellschafter eine Omnichannel-Ausrichtung, also die Verzahnung von Online-Shop, Marktplatz und stationären Märkten. Auf Gesellschafterebene wurde wiederholt die Notwendigkeit digitaler Innovation betont. Zudem investiert Hagebau in IT-Systeme, Stammdatenpflege und Online-Marketing. Die Trennung vom langjährigen Geschäftsführer Ende 2024 und die Neuaufstellung der Führungsspitze deuten ebenfalls auf einen Kurswechsel hin. Offiziell hieß es, jetzt sei ein guter Zeitpunkt für personelle Veränderungen, um frischen Wind in die strategische Weiterentwicklung zu bringen. Die Herausforderungen von Digitalisierung über konjunkturelle Flaute bis zum Generationswechsel bei Gesellschaftern sind erkannt. Hagebau stellt sich neu auf, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Trotz aller Turbulenzen gilt Stand Ende 2025: Eine Insolvenz von Hagebaumarkt als Ganzes ist nicht in Sicht. Zwar steckt der Verbund in einem erheblichen Transformationsprozess und muss den Verlust einiger Partner sowie die schwache Baukonjunktur verkraften, doch die finanzielle Substanz bleibt solide. Zahlungsschwierigkeiten oder eine drohende Insolvenz sind derzeit nicht erkennbar. Im Gegenteil, Hagebau erwirtschaftet weiterhin Gewinne und reinvestiert diese gezielt, etwa in Digitalisierung und neue Strukturen. Der eingeschlagene Sparkurs und die Innovationsinitiativen scheinen geeignet, um die aktuelle Krise zu meistern. Natürlich bleibt abzuwarten, ob all diese Maßnahmen den erhofften Erfolg bringen – der DIY-Markt wandelt sich rasant weiter. Doch Stand Oktober 2025 gilt: Hagebaumarkt ist weit entfernt von der Pleite. Die Kunden können also vorerst aufatmen. Vielmehr dürfte es spannend sein zu beobachten, wie Hagebau den Wandel gestaltet und ob der Traditionsverbund gestärkt aus der Krise hervorgeht.
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