letzte Aktualisierung: Juni 2026
Werner Otto gründete den Otto Versand 1949 mit 6.000 Mark Startkapital, drei Mitarbeitern und einem handgebundenen Katalog mit 28 Schuhpaaren. Er war 40 Jahre alt, hatte gerade seinen ersten Betrieb in den Konkurs geführt und war als mittelloser Flüchtling aus Brandenburg nach Hamburg gekommen. Aus diesem Neuanfang wurde einer der größten Handelskonzerne der Welt.
Werner Otto wurde am 13. August 1909 in Seelow, Brandenburg als Sohn eines Einzelhändlers geboren. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Der Vater heiratete erneut, die Familie zog nach Prenzlau in der Uckermark. Werner Otto musste das Gymnasium vor dem Abschluss verlassen, weil sein Vater nach einem Konkurs das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte. Von Anfang an prägte ihn wirtschaftliche Not.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Otto als mittelloser Flüchtling mit Frau und zwei Kindern nach Hamburg. Dort versuchte er zunächst mit einer Schuhfabrikation neu zu starten. Auch dieser Versuch scheiterte im Konkurs. Was folgte, ist eine der bemerkenswertesten Unternehmerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte: Mit 40 Jahren fing Werner Otto noch einmal von vorne an.
Am 17. August 1949 meldete Werner Otto die Firma „Werner Otto Versandhandel“ bei der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr an. Sitz des Unternehmens waren zwei kleine Baracken in Hamburg-Schnelsen. Das Startkapital betrug 6.000 Deutsche Mark, die Belegschaft drei Mitarbeiter.
1950 erschien der erste Katalog: 300 handgebundene Exemplare mit eingeklebten Fotos, 14 Seiten, 28 Paar Schuhe. Was diesen Katalog von allen anderen Versandangeboten der Zeit unterschied: Werner Otto führte als erster Versandhändler Deutschlands den Kauf auf Rechnung ein. Sein Motto lautete „Vertrauen gegen Vertrauen“. In einer Zeit, in der kaum jemand Fremden traute, war das ein revolutionärer Schritt. Kunden konnten die Ware erst bestellen, ansehen und dann bezahlen.
| Jahr | Meilenstein |
|---|---|
| 1949 | Gründung in Hamburg-Schnelsen mit 6.000 Mark und 3 Mitarbeitern |
| 1950 | Erster handgebundener Katalog mit 28 Schuhpaaren in 300 Exemplaren |
| 1951 | 1 Million Mark Umsatz; gedruckter Katalog mit 28 Seiten |
| 1953 | Umsatz verfünffacht; Katalogauflage auf 37.000 Exemplare gestiegen |
| 1956 | Einführung der Fünf-Tage-Woche für alle Mitarbeiter |
| 1963 | Bestellungen per Telefon dank integrierter Datenverarbeitung |
| 1972 | Gründung des eigenen Zustelldienstes Hermes |
| 1976 | Übernahme Schwab Versand: Otto wird weltweite Nummer drei |
| 1981 | Sohn Michael Otto übernimmt den Vorstandsvorsitz |
| 2011 | Werner Otto stirbt in Berlin im Alter von 102 Jahren |
Was Werner Otto von anderen Unternehmern seiner Zeit unterschied, war sein ungewöhnlicher Umgang mit Vertrauen. In einer Nachkriegsgesellschaft, die von Misstrauen geprägt war, setzte er auf das Gegenteil. Der Kauf auf Rechnung war nicht nur ein Zahlungsmodell, er war eine Haltung. Otto vertraute seinen Kunden. Die Kunden vertrauten Otto zurück. Dieses Prinzip funktionierte.
Auch gegenüber seinen Mitarbeitern war er seiner Zeit voraus. Die Einführung der Fünf-Tage-Woche 1956, zu einem Zeitpunkt als das in Deutschland noch alles andere als selbstverständlich war, zeigt ein Verständnis von Unternehmertum, das weit über die reine Gewinnmaximierung hinausging. Umweltschutz wurde 1986 offizielles Unternehmensziel der Otto Group, Jahrzehnte bevor das zum Mainstream wurde.
Werner Ottos Sohn Michael Otto übernahm 1981 den Vorstandsvorsitz und führte das Unternehmen konsequent in Richtung Nachhaltigkeit und Internationalisierung. Unter seiner Führung wurde Umweltschutz 1986 offizielles Unternehmensziel. Michael Otto gründete zudem die Michael Otto Stiftung für Umweltschutz und 2015 die Stiftung KlimaWirtschaft. 2015 brachte er die Mehrheit der Gesellschaftsanteile an der Otto Group in eine gemeinwohlorientierte Stiftung ein.
In dritter Generation ist seit 2015 Benjamin Otto, der Enkel des Gründers, als Gestaltender Gesellschafter im Konzern aktiv. Die Otto Group gehört damit zu den wenigen großen deutschen Familienunternehmen, die seit 75 Jahren in Familienhand geblieben sind.
Was viele nicht wissen: Werner Otto gründete mit fast 60 Jahren noch einmal neu. 1965 gründete er die ECE Projektmanagement, eine Gesellschaft für Entwicklung und Betrieb von Einkaufszentren. Heute ist die ECE, geleitet von Sohn Alexander Otto, die größte Gesellschaft für Entwicklung und Betrieb von Einkaufszentren in Europa. Werner Otto bewies damit, dass Gründergeist kein Alter kennt.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Umsatz (Geschäftsjahr 2023/24) | rund 16 Milliarden Euro |
| Mitarbeiter weltweit | über 40.000 |
| Gründungsjahr | 1949 |
| Sitz | Hamburg-Bramfeld (seit 1960) |
| Eigentümer | Familie Otto (über gemeinnützige Stiftung) |
Die Otto Group ist heute weit mehr als ein Versandhändler. Zum Konzern gehören über 30 Unternehmen in mehr als 30 Ländern, darunter die Modeplattform About You, der Logistikdienstleister Hermes und zahlreiche internationale Handelsmarken.
Weitere Gründergeschichten aus Deutschland finden sich in den Artikeln Gründer von Adidas und Gründer von IKEA.
Foto: Karolina Grabowska via Pexels
© All rights reserved.