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ADHS bei Erwachsenen: Ein Gespräch mit Psychotherapeut Nicolas Sander

letzte Aktualisierung: Mai 2026

Erfolgreich gründen, ein Team führen, Innovationen vorantreiben – und gleichzeitig das Gefühl haben, innerlich ständig auf Hochtouren zu laufen oder an einfachen Routineaufgaben zu verzichten. Die Diagnose „ADHS bei Erwachsenen“ rückt in der Geschäftswelt zunehmend in den Fokus. Viele Gründer und Unternehmer weisen neurodivergente Merkmale auf, die sie einerseits extrem innovativ machen, andererseits aber ein hohes Risiko für Erschöpfung bergen. 

Wir sprachen darüber mit Nicolas Sander. Er ist Psychologe und psychologischer Psychotherapeut und bietet in der Praxis Freiraum Psychotherapie in Berlin unter https://www.freiraum-psychotherapie.de/ unter anderem ADHS-Diagnostik für Erwachsene an. Mit einem verhaltenstherapeutischen Ansatz und auf Augenhöhe hilft er Klienten, sich und ihr Verhalten besser zu verstehen.

Unternehmerblatt: Herr Sander, das Thema ADHS bei Erwachsenen wird oft als „Modediagnose“ abgetan, ist aber gerade in der Startup- und Unternehmer-Szene sehr präsent. Wie äußern sich die typischen Symptome konkret im Berufsalltag einer Führungskraft?

Nicolas Sander: Dass ADHS häufig als Modediagnose bezeichnet wird, liegt oft an einem falschen Bild, das wir im Kopf haben. Bei Erwachsenen, insbesondere bei Führungskräften, sehen wir selten das klassische Stereotyp des stillesitzenden oder eben zappeligen Kindes. Die körperliche Hyperaktivität wandelt sich im Erwachsenenalter meist in eine ständige innere Unruhe. Das fühlt sich an wie ein Motor, der im Hintergrund immer mitläuft und nie ganz abschaltet, was das Herunterfahren nach einem langen Arbeitstag extrem erschwert.

Im Berufsalltag zeigt sich das oft in starken Kontrasten. Da ist auf der einen Seite der sogenannte Hyperfokus: Wenn ein Projekt neu, innovativ und mitreißend ist, können betroffene Unternehmer mit einer unglaublichen Energie, Kreativität und Detailtiefe daran arbeiten. Das ist eine Eigenschaft, die viele Gründer überhaupt erst so erfolgreich macht. 

Auf der anderen Seite stehen die administrativen Routinen – seien es Steuerunterlagen, Dokumentationen oder Standard-E-Mails. Hier fehlt dem Gehirn schlichtweg die nötige Stimulation. Das führt dann oft zur sogenannten Prokrastination oder zu einer Fehleranfälligkeit bei einfachen Dingen. 

Ein weiterer Punkt ist die Impulsivität. Das kann ein großer Vorteil sein, um dynamisch Chancen zu ergreifen, äußert sich aber eben auch in überstürzten Entscheidungen oder darin, dass es in Meetings schwerfällt, andere ausreden zu lassen, weil die eigenen Gedanken gedanklich schon drei Schritte weiter sind.

Unternehmerblatt: Viele betroffene Unternehmer funktionieren nach außen hin jahrelang absolut perfekt und bauen erfolgreiche Firmen auf. Wie passt das zusammen? Man liest in diesem Kontext oft den Begriff „Masking“.

Nicolas Sander: Viele Menschen mit ADHS sind hochintelligent und entwickeln weitreichende Kompensationsstrategien. Genau das beschreibt „Masking“: das bewusste oder unbewusste Verbergen der eigenen neurodivergenten Symptome, um den gesellschaftlichen Erwartungen an eine souveräne Führungskraft zu entsprechen. Jemand wirkt dann extrem organisiert, aber nur, weil er aus ständiger Panik, Dinge zu vergessen, ein fast zwanghaftes System aus Listen aufgebaut hat. 

Nach außen sehen wir einen makellosen CEO. Aber diese „Normalität“ aufrechtzuerhalten, kostet immense Kraft und gleicht einem täglichen Marathon. Wenn dieses System über Jahre läuft, mündet die chronische Überlastung oft in Burnout oder depressiven Episoden. Das ist meist der Punkt, an dem die Klienten erschöpft den Weg in meine Praxis finden. 

Unternehmerblatt: Angenommen, einer unserer Leser erkennt sich in diesen Verhaltensmustern wieder und möchte Gewissheit. Wie genau läuft eine professionelle ADHS-Diagnostik für Erwachsene bei Ihnen ab? Und wie aussagekräftig sind schnelle Selbsttests aus dem Internet?

Nicolas Sander: Von schnellen Online-Tests rate ich definitiv ab. Sie stiften eher Verwirrung und können eine echte Diagnostik durch einen erfahrenen Psychotherapeuten nicht ersetzen. Symptome wie innere Unruhe oder Erschöpfung werden im Berufsalltag oft einfach als Stress abgetan – hier ist eine genaue Abklärung wichtig, um andere Ursachen wie ein Burnout oder eine Depression sicher auszuschließen.

In unserer Berliner Praxis durchlaufen wir dafür einen Prozess von meist vier bis fünf Sitzungen, die nach dem Erstgespräch oft auch digital stattfinden können. Wir erheben eine ausführliche Anamnese und prüfen sehr genau, ob wirklich eine ADHS vorliegt. Da ADHS eine neurologische Besonderheit ist, die sich nicht erst im Erwachsenenalter entwickelt, müssen die Symptome bereits in der Kindheit vorhanden gewesen sein. Deshalb beziehen wir biografische Daten intensiv mit ein, wozu auch oft der Blick in alte Grundschulzeugnisse gehört.  Am Ende erhalten unsere Klienten einen ausführlichen Befundbericht, der auf Wunsch auch Psychiatern als Basis für eine medikamentöse Einstellung dient. Gemeinsam besprechen wir dann, wie es weitergeht – sei es mit Therapie, Selbsthilfe oder Medikamenten. 

Unternehmerblatt: Wenn die Diagnose am Ende tatsächlich „ADHS“ lautet – wie geht es dann weiter? Welche evidenzbasierten Behandlungsansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie helfen Unternehmern, Struktur in ihren Alltag zu bringen, ohne ihre kreative Energie zu verlieren?

Nicolas Sander: Der erste Schritt ist immer die Psychoedukation: Das bedeutet, die Diagnose und die eigene Funktionsweise erst einmal zu verstehen, was oft schon eine enorme Entlastung bringt. Danach arbeiten wir zielorientiert und sehr visuell, beispielsweise direkt am Flipchart. Zu Beginn definieren wir klare, individuelle Therapieziele, die wir im weiteren Verlauf immer wieder evaluieren. Die kognitive Verhaltenstherapie setzt dabei im Hier und Jetzt an: Wir können unsere Gefühle nicht einfach per Knopfdruck abschalten, aber wir können unsere Gedanken und unser Verhalten steuern. 

Ziel ist es nicht, die wertvolle kreative Energie und Dynamik zu unterdrücken. Stattdessen erarbeiten wir im gemeinsamen Dialog Handlungsstrategien und konkrete Übungen, die als strukturelles Geländer dienen. Das Wichtigste passiert dabei zwischen unseren Terminen: Die Klienten probieren diese Strategien in ihrem Berufsalltag aus und wir passen sie kontinuierlich an, bis sie wirklich funktionieren. 

Unternehmerblatt: Sie betonen in Ihrer Arbeit immer wieder, dass Sie den Klienten als „Experten für seine eigene Situation“ sehen. Warum ist diese Begegnung auf Augenhöhe gerade für Menschen in Führungspositionen so wichtig, wenn sie den Weg in die Psychotherapie suchen?

Nicolas Sander: Menschen in Führungspositionen sind es gewohnt, Verantwortung zu tragen, strategisch zu denken und die Kontrolle zu haben. Der Schritt in eine Therapie ist oft mit der Sorge verbunden, sich völlig ausliefern oder die Zügel aus der Hand geben zu müssen. Genau das versuche ich durch mein humanistisches Menschenbild zu entkräften: Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch die Ressourcen zur Lösung seiner Probleme im Grunde bereits in sich trägt.

Ich bringe mein psychologisches Fachwissen und evidenzbasierte Methoden ein, aber der Klient ist und bleibt der absolute Experte für sein eigenes Leben und sein Business. Deshalb sind mir Transparenz und ein offener Dialog so wichtig. Ich teile meine Interpretationen oder Übungsideen immer als Angebot, das wir gemeinsam abgleichen. Zudem motiviere ich meine Klienten ausdrücklich dazu, mir kritisches Feedback zu geben, falls sich die Therapie einmal nicht in die gewünschte Richtung entwickelt. Das oberste Ziel meiner Arbeit ist es, die Selbstwirksamkeit der Klienten zu stärken und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, anstatt eine Abhängigkeit vom Therapeuten zu schaffen.

Unternehmerblatt: Herr Sander, wir bedanken uns herzlich für dieses offene Gespräch und die wertvollen Einblicke. Es zeigt einmal mehr: Der bewusste Umgang mit der eigenen mentalen Gesundheit und den persönlichen Ressourcen ist keine Schwäche, sondern eine essenzielle Führungskompetenz. 

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