Erstellt von Lana

Esprit insolvent: Steht der Modehändler vor dem endgültigen Aus?

Die Modemarke Esprit, einst Kult und milliardenschwer, steckt in einer ihrer schwersten Krisen. In diesem Jahr verdichteten sich die Anzeichen, dass Esprit in ernsthaften Zahlungsschwierigkeiten steckt. Tatsächlich musste die Esprit Europe GmbH, die europäische Tochter des Konzerns mit Sitz in Ratingen, im Mai 2024 einen Insolvenzantrag stellen. Betroffen waren rund 1.500 Beschäftigte in Europa, davon allein etwa 1.300 in Deutschland. Es war bereits die zweite Insolvenz innerhalb weniger Jahre: Schon 2020 hatte Esprit ein Schutzschirmverfahren durchlaufen und etwa 50 Filialen geschlossen.

Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens im August 2024 zeichnete sich schnell ab, dass ein regulärer Weiterbetrieb in Deutschland nicht möglich sein würde. Anfang August wurde bekannt, dass Esprit alle verbleibenden 56 eigenen Filialen in Deutschland bis spätestens Ende November 2024 schließen wird. Insgesamt verlieren damit rund 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hierzulande ihren Job. In den letzten Monaten des Jahres wurden die Läden nur noch genutzt, um Restbestände abzubauen – vielerorts lief ein Räumungsverkauf bis zur endgültigen Schließung. Auch der Online-Shop bot hohe Rabatte, um die Lager zu leeren. Die deutschen Esprit-Gesellschaften wickeln ihr Geschäft derzeit ab. Bis Ende November 2024 sollten nahezu alle Shops dicht sein.

Verkauf der Markenrechte und geplante Wiederbelebung

Bedeutet diese Entwicklung, dass Esprit pleite ist und komplett vom Markt verschwindet? Ja und nein. Das operative Europageschäft von Esprit ist insolvent und wird eingestellt, doch die Marke Esprit soll weiterleben. Im Zuge des Insolvenzverfahrens kam es nämlich zu einem Verkauf der Markenrechte. Zunächst sah es so aus, als würde der britische Finanzinvestor Alteri die europäischen Esprit-Rechte übernehmen. Doch dann legte Europas größter Schuhhändler Deichmann ein Angebot vor, das schließlich den Zuschlag erhielt.

Wie das Unternehmen am 22. Oktober 2024 mitteilte, hat Deichmann die Esprit-Markenrechte in Europa und den USA erworben, allerdings beschränkt auf den Bereich Schuhe. Deichmann war bereits seit 2019 Lizenzpartner für Esprit-Schuhe und glaubt an die vielseitige Marke, wie ein Sprecher erläuterte. Künftig will Deichmann die Schuhkollektionen von Esprit weiterführen und ausbauen. Für den Textil- und Modebereich der Marke Esprit wurde parallel die Firma Theia Group of Companies an Bord geholt. Theia ist ein Dienstleister spezialisiert auf Marken-Management und soll eng mit Deichmann zusammenarbeiten, um die ikonische Marke Esprit über Schuhe hinaus wiederzubeleben. Beide Käufer, Deichmann und Theia, haben also die Markenrechte übernommen, aber nicht die alten Esprit-Firmen oder -Filialen. Ein Esprit-Sprecher betonte, dass man mit dieser Lösung an einen zukünftigen Relaunch der Marke denkt.

Für die bisherigen Gläubiger und das Management von Esprit Europe war dieser Deal offenbar die beste Option. Das Amtsgericht Düsseldorf hatte die Insolvenzverfahren der sieben betroffenen deutschen Esprit-Gesellschaften Anfang August eröffnet. Zunächst sollte Alteri übernehmen, doch schließlich erhielt Deichmann nach Zustimmung der Gläubigerausschüsse, der Esprit-Führung und der Esprit-Holding in Hongkong den Zuschlag. Über finanzielle Details wurde Stillschweigen vereinbart. Klar ist jedoch: Filialen oder Arbeitsplätze wurden nicht mitverkauft – Deichmann übernimmt ausschließlich Namen und Lizenzen, nicht die insolventen Betriebsstätten.

Der Deal ermöglicht es der Esprit-Gruppe, sich neu zu strukturieren. Die Übertragung der Markenrechte an die zwei Erwerber versetzt die Esprit Group in die Lage, sich auf ihr Kerngeschäft außerhalb Europas zu konzentrieren, während durch starke Partnerschaften die Grundlage für einen Neustart in Europa gelegt wird. Die Esprit Holding in Hongkong, Mehrheitsgesellschaft des Konzerns, war in die Entscheidung eingebunden und begrüßt den Schritt.

Gründe für den Niedergang: Missmanagement und harter Wettbewerb

Wie konnte es so weit kommen? Esprit war über Jahrzehnte eine erfolgreiche Marke, gegründet 1968 in San Francisco, und zeitweise ein führender Modefilialist besonders in Deutschland. Noch vor gut zehn Jahren zählte das Unternehmen weltweit über 900 Stores. Experten machen vor allem Managementfehler und Veränderungen im Markt für den Absturz verantwortlich. Ein ehemaliger Franchise-Partner berichtet, man sei über Jahre mit Esprit etwas festgefahren gewesen – neue Impulse fehlten, und dann schmerzt es, wenn durch Missmanagement vieles schiefgeht. Man sieht es aus der Ferne geschehen und hat wenig Einfluss darauf.

Tatsächlich kämpfte Esprit schon lange mit Problemen: Das Sortiment galt vielen Kunden als zu bieder und austauschbar, während schnellere Modeketten und Online-Anbieter den Ton angaben. Fast-Fashion-Riesen wie Zara, H&M oder Primark sowie Online-Plattformen haben in den letzten Jahren einen harten Wettbewerb entfacht. Gleichzeitig drängen ultragünstige Anbieter aus China, etwa Shein, auf den Markt. Auch klassische Discounter erweiterten ihr Modeangebot. Immer mehr deutsche Modeunternehmen geraten in finanzielle Schieflage. Neben dem Markteintritt Chinas liegt das auch am Angebot der Discounter. Mit anderen Worten: Esprit verlor Marktanteile an billigere oder trendigere Wettbewerber und verpasste es, sich klar zu positionieren.

Erschwerend kamen äußere Faktoren hinzu. Die COVID-19-Pandemie traf den stationären Einzelhandel hart, auch Esprit. Bereits 2020 musste der Konzern, damals schon angeschlagen, ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung durchführen. Damals wurden etwa 1.100 Stellen abgebaut und rund 50 Filialen geschlossen. Zwar gelang es danach kurzfristig, die Verluste zu senken und einen Relaunch anzukündigen. Esprit investierte in Marken-Relaunches, Pop-up-Stores in Asien, neuartige Kampagnen und holte neue Führungskräfte. Zwischenzeitlich schrieb die Holding 2022 sogar wieder schwarze Zahlen. Doch die Erholung war nicht nachhaltig genug, insbesondere in Europa. Ein internes Gutachten beleuchtete zudem dubiose Vermögensverschiebungen kurz vor der Insolvenz – hier wird noch geprüft, ob Vermögenswerte der europäischen Tochter an verbundene Firmen transferiert wurden. Für die Belegschaft änderten all diese Umstände wenig: Am Ende standen erneut Einschnitte und Entlassungen.

Aktuelle Situation 2025: Wie geht es mit Esprit weiter?

Ist Esprit nun endgültig pleite? Diese Frage lässt sich nur differenziert beantworten. In Deutschland und Europa existiert Esprit als eigenes Handelsunternehmen nicht mehr. Die Läden sind geschlossen, die europäischen Tochterfirmen sind insolvent und werden abgewickelt. Wer heute einen Esprit-Store in deutschen Innenstädten sucht, wird enttäuscht. Auch der offizielle Online-Shop ist derzeit nicht aktiv; auf der Website prangt nur der Hinweis, die Marke werde bald zurück sein – ein Indiz für den laufenden Übergang.

Global betrachtet ist Esprit allerdings nicht völlig vom Markt verschwunden. Die Esprit Holdings Limited in Hongkong, die Konzernmutter, besteht weiterhin und betreibt das Geschäft in rund 40 Ländern außerhalb Europas unverändert weiter. Diese internationalen Aktivitäten, vor allem in Asien, waren von der europäischen Insolvenz nicht direkt betroffen. Im Gegenteil: Durch die Entkonsolidierung der verlustreichen Europa-Sparte konnte die Holding ihre Finanzen etwas stabilisieren. Laut einer Mitteilung an der Börse in Hongkong verringerte sich der Verlust im ersten Halbjahr 2024 deutlich – von 714 Millionen HK-Dollar im Vorjahr auf 95 Millionen HK-Dollar, was man ausdrücklich auf die Restrukturierung und Entkonsolidierung der europäischen Tochtergesellschaften zurückführt. Esprit versucht nun, mit einem Fokus auf rentablere Märkte und digitale Vertriebswege wieder Fuß zu fassen. In Hongkong eröffnete im Herbst 2024 ein neuer dreistöckiger Flagship-Store als Zeichen eines Comebacks in Asien.

Für Europa gibt es zumindest eine Perspektive: Dank der Übernahme der Markenrechte durch Deichmann und Theia könnte Esprit mittelfristig zurückkehren. Dies würde jedoch in anderer Form geschehen, möglicherweise als Markenlizenz innerhalb des Deichmann-Filialnetzes für Schuhe und via Kooperationen oder ausgewählte Handelspartner für Kleidung. Wie und wo Esprit-Produkte künftig in Deutschland verkauft werden, ist noch offen. Klar ist nur: Die neuen Eigentümer planen, die Produktion von Esprit-Mode und -Schuhen fortzuführen. Ein vollständiger Rückzug der Marke aus Deutschland war wohl nie gewollt. Trotz der Filialschließungen wird die Marke Esprit nicht verschwunden, vermutlich auch nicht aus Deutschland. Esprit soll hierzulande also kein reines Kapitel für die Geschichtsbücher werden.

Fazit

Ja, Esprit geriet in massive finanzielle Schwierigkeiten und das Europageschäft ist insolvent – faktisch pleite. Die Folge waren Filialschließungen auf breiter Front und der Verlust vieler Arbeitsplätze. Von einer endgültigen Pleite der Marke kann man aber nicht sprechen. Aktuell ist Esprit nicht mehr eigenständig im deutschen Handel aktiv, doch die Marke lebt im Ausland fort und soll durch neue Investoren eine zweite Chance erhalten. Ob dieser Neuanfang gelingt, bleibt abzuwarten. Vorerst aber gilt: Die Kultmarke von einst ist angeschlagen, aber noch nicht völlig am Ende. Es ist ein Abschied auf Zeit, kein Abschied für immer.

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