letzte Aktualisierung: Mai 2026
Ein eindrucksvolles Beispiel für diesen Wandel zeigt sich in Regensburg. Die Praxisgruppe der Zahnärzte Obermünsterstraße hat sich in den vergangenen Jahren von einer klassischen Zahnarztpraxis zu einem modernen mittelständischen Unternehmen mit drei Standorten und rund 70 Mitarbeitern entwickelt. Hinter diesem Wachstum stehen klare Strukturen, digitale Prozesse und ein konsequenter Fokus auf Qualität – sowohl medizinisch als auch organisatorisch.
Maßgeblich geprägt wird diese Entwicklung von Dr. Julian Hieronymus M.Sc., der gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Dr. Mathias Siegmund die Praxisgruppe führt. Im Gespräch erklärt er, warum moderne Zahnmedizin heute weit über die Behandlung am Patienten hinausgeht, welche Rolle Digitalisierung und künstliche Intelligenz künftig spielen werden und weshalb Unternehmenskultur in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger wird.
Unternehmerblatt.de: Das klassische Studium der Zahnmedizin bereitet hervorragend auf die handwerkliche und diagnostische Arbeit am Patienten vor. Betriebswirtschaftliche Themen kommen jedoch oft zu kurz. Wie gelingt im Praxisalltag der anspruchsvolle Spagat zwischen der hohen Verantwortung als behandelnder Arzt und den täglichen Pflichten als geschäftsführender Unternehmer?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: Da wir mittlerweile drei Praxen im Verbund sind und insgesamt rund 70 Mitarbeiter beschäftigen, nimmt die unternehmerische Rolle einen immer größeren Stellenwert ein. Mein Geschäftspartner Dr. Mathias Siegmund und ich haben unsere Behandlungszeit inzwischen bewusst reduziert, um uns stärker auf Themen wie Unternehmensentwicklung, Mitarbeiterführung und Prozessoptimierung konzentrieren zu können.
Das Studium bereitet auf diese Aufgaben ehrlich gesagt kaum vor. Viele betriebswirtschaftliche und organisatorische Kompetenzen muss man sich später selbst aneignen. Das ist heutzutage durch Online-Fortbildungen, Netzwerke und den Austausch mit Kollegen deutlich einfacher geworden. Besonders hilfreich ist für uns der Austausch mit anderen Zahnärzten, die ebenfalls größere Praxen oder Praxisgruppen führen.
Unternehmerblatt.de: Die digitale Transformation prägt den gesamten Mittelstand und macht auch vor der Medizin nicht Halt. Wenn man die letzten fünf Jahre betrachtet: Welche spezifischen technologischen Neuerungen haben die größten Effizienzsprünge in Ihren Arbeitsabläufen bewirkt und wie messen Sie den wirtschaftlichen Erfolg solcher Investitionen?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: Wir beschäftigen uns schon seit vielen Jahren intensiv mit der Digitalisierung unserer Praxisabläufe. In vielen Bereichen arbeiten wir mittlerweile komplett ohne klassische Abdrucknahme. Gleichzeitig versuchen wir, die Patientenaufnahme, die Dokumentation und auch die Abrechnung immer weiter zu digitalisieren und zu automatisieren.
Aktuell testen wir außerdem intensiv verschiedene KI-Programme, die uns insbesondere bei der Dokumentation und Abrechnung unterstützen sollen. Das perfekte System haben wir zwar noch nicht gefunden, aber ich glaube, dass die Entwicklung kurz davorsteht, einen echten Mehrwert für die breite Masse der Praxen zu schaffen.
Das Ziel ist letztlich, dass sich Zahnärzte und Mitarbeiter wieder stärker auf die eigentliche Patientenbehandlung und Beratung konzentrieren können – und weniger Zeit für Verwaltungsaufgaben und Dokumentation aufbringen müssen.
Unternehmerblatt.de: Der regionale Gesundheitsmarkt ist stark umkämpft. Wer heutzutage online nach einem Zahnarzt in Regensburg sucht, findet sofort eine enorme Auswahl an Praxen. Welche klare unternehmerische Strategie verfolgen Sie, um sich in diesem dichten und stark wettbewerbsorientierten Umfeld langfristig als Premium-Dienstleister zu behaupten und abzuheben?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: Das ist tatsächlich eine Frage, mit der wir uns intensiv beschäftigen. Natürlich pflegen wir unsere Homepage sehr aktiv, gleichzeitig setzen wir aber auch stark auf soziale Medien – insbesondere auf Instagram. Das ist für uns nicht nur im Bereich der Patientengewinnung wichtig, sondern zunehmend auch bei der Mitarbeitersuche.
Darüber hinaus haben wir weitere Projekte angestoßen, beispielsweise einen eigenen Podcast. Man muss aber auch sagen, dass einige dieser Projekte einfach Spaß machen und uns die Möglichkeit geben, Themen rund um moderne Zahnmedizin nach außen sichtbar zu machen.
Den tatsächlichen Effekt einzelner Maßnahmen kann man oft nur schwer messen. Grundsätzlich gilt aber: Wer heute online nicht sichtbar ist, wird langfristig weder neue Patienten noch neue Mitarbeiter gewinnen.
Unternehmerblatt.de: Der allgegenwärtige Fachkräftemangel ist oft ein stark limitierender Faktor für das Wachstum vieler Betriebe. Gerade in medizinischen Berufen ist gutes Personal schwer zu finden. Mit welchen konkreten Maßnahmen überzeugen Sie hochqualifizierte Fachkräfte von Ihrer Praxis und binden diese langfristig an Ihr wachsendes Unternehmen?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: Man muss heute ganz konsequent eine Arbeitgebermarke aufbauen. Das beginnt natürlich bei den sozialen Medien, endet aber nicht dort. Entscheidend ist, dass Bewerber beim Vorstellungsgespräch oder Schnuppertag auch tatsächlich die Praxis erleben, die online dargestellt wird. Es bringt nichts, wenn Außenwirkung und Realität nicht zusammenpassen.
Bewerber haben heute sehr klare Vorstellungen davon, wie moderne Arbeitsplätze aussehen sollen. Wir versuchen deshalb, uns an diese Veränderungen anzupassen und moderne Arbeitsbedingungen zu schaffen. Gleichzeitig spielt Wertschätzung eine enorme Rolle. Das ist kein Schlagwort, sondern etwas, das man im Alltag konsequent leben muss.
Unternehmerblatt.de: Menschen treten heutzutage zunehmend als aufgeklärte und sehr anspruchsvolle Kunden auf, die nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch reibungslose Serviceprozesse erwarten. Inwiefern mussten die Praxisstrukturen und das generelle Dienstleistungsverständnis Ihres gesamten Teams an diese völlig neue Erwartungshaltung der Patienten angepasst werden?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: Das Thema ist für uns eigentlich nicht neu. Mein Vater hat die Praxis vor rund 40 Jahren gegründet und schon damals wurde großer Wert auf kurze Wartezeiten, hohe Servicequalität und natürlich sehr gute Behandlungsergebnisse gelegt.
Was heute allerdings deutlich stärker in den Fokus rückt als früher, sind umfassende Aufklärung und der steigende ästhetische Anspruch vieler Patienten. Auch diese Themen haben bei uns einen sehr hohen Stellenwert. Patienten informieren sich heute deutlich intensiver und erwarten nachvollziehbare Konzepte, moderne Behandlungsmethoden und eine transparente Kommunikation.
Unternehmerblatt.de: Nachhaltiges und ressourcenschonendes Handeln wird branchenübergreifend zu einem immer wichtigeren Wirtschaftsfaktor. Gleichzeitig ist die Zahnmedizin an strenge Hygienevorschriften gebunden und sehr materialintensiv. Welche ökologischen Ansätze lassen sich in diesem stark regulierten Praxisalltag überhaupt wirtschaftlich sinnvoll und konform mit allen medizinischen Richtlinien umsetzen?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: In der Zahnmedizin gibt es beim Thema Nachhaltigkeit natürlich gewisse Grenzen, weil Hygiene und Patientensicherheit immer oberste Priorität haben. Gerade bei Materialien und Einwegprodukten können wir nicht einfach sparen oder medizinische Standards reduzieren.
Trotzdem versuchen wir, Prozesse möglichst effizient zu gestalten und unnötigen Materialverbrauch zu vermeiden. Eine gute Organisation und klare Abläufe helfen dabei, weniger wegzuwerfen und Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Gleichzeitig reduzieren digitale Workflows und papierlose Prozesse den Verbrauch in vielen Bereichen deutlich.
Auch moderne Geräte arbeiten heute häufig energieeffizienter als ältere Systeme. Man darf das Thema Nachhaltigkeit in der Medizin deshalb nicht nur auf einzelne Materialien reduzieren. Für uns bedeutet nachhaltiges Arbeiten vor allem, langfristig verantwortungsvoll, strukturiert und ressourcenschonend zu wirtschaften, ohne Kompromisse bei der Behandlungsqualität einzugehen.
Unternehmerblatt.de: Eine große Gemeinschaftspraxis erfordert klare Führungsstrukturen, um im Alltag effizient zu funktionieren. Gleichzeitig wünschen sich moderne Teams flache Hierarchien und viel Eigenverantwortung. Wie sieht Ihr persönlicher Führungsstil aus und wie etablieren Sie eine Unternehmenskultur, die sowohl Leistung fördert als auch ein motivierendes Arbeitsklima schafft?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: Wir arbeiten mit relativ flachen Hierarchien und sind im Team zu einem großen Teil per Du. Trotzdem müssen Verantwortungsbereiche klar definiert sein und Entscheidungsvollmachten für alle nachvollziehbar bleiben.
Ich glaube, dass eine gute Mischung hier der richtige Weg ist. Mitarbeiter wünschen sich heute Eigenverantwortung und Mitgestaltungsmöglichkeiten, gleichzeitig braucht ein großes Unternehmen klare Strukturen und verlässliche Abläufe. Genau diese Balance versuchen wir im Alltag umzusetzen.
Unternehmerblatt.de: Um als Unternehmen langfristig erfolgreich zu sein, muss man künftige Entwicklungen frühzeitig antizipieren. Wenn wir auf das kommende Jahrzehnt blicken: Welche disruptiven Veränderungen, etwa durch künstliche Intelligenz oder neue Behandlungsmethoden, erwarten Sie für die Branche und wie bereiten Sie die Praxis darauf vor?
Dr. Julian Hieronymus M.Sc.: Wir testen laufend neue Softwarelösungen – einerseits, um Prozesse effizienter zu gestalten, andererseits aber auch, um unser Personal zu entlasten. Wir steuern auf einen erheblichen Fachkräftemangel zu, deshalb müssen viele Abläufe künftig stärker digitalisiert und standardisiert werden.
Ich glaube, dass in Zukunft weniger Personal auf eine steigende Zahl an Patienten treffen wird. Das bedeutet für die gesamte Branche eine große Herausforderung. Die Nachfrage nach hochwertiger Zahnmedizin wird weiter steigen, gleichzeitig wird es schwieriger werden, ausreichend Fachkräfte zu finden.
Digitale Prozesse und künstliche Intelligenz werden deshalb eine immer wichtigere Rolle spielen – nicht als Ersatz für den Zahnarzt, sondern als Unterstützung, um Behandlungen effizienter zu organisieren und den Fokus stärker auf den Patienten legen zu können.
Bildquelle. https://images.pexels.com/photos/6627838/pexels-photo-6627838.jpeg
© All rights reserved.