letzte Aktualisierung: Juni 2026
KI unterstützt
Der größte Banken-Übernahmekrimi Europas läuft auf seinen vorläufigen Höhepunkt zu: Am 5. Mai 2026 hat die italienische UniCredit ihr formales Übernahmeangebot für die Commerzbank vorgelegt. Die Annahmefrist endet am 16. Juni 2026. Bisher hat nach eigenen Angaben der Commerzbank kein einziger institutioneller Investor das Angebot angenommen. Das Angebot liegt unterhalb des aktuellen Börsenkurses. Und UniCredit-Chef Andrea Orcel schließt eine Nachbesserung nicht aus.
Der Startschuss fiel im September 2024 überraschend schnell. UniCredit kaufte still und leise einen ersten Anteil von rund neun Prozent an der Commerzbank, darunter auch Anteile des Bundes, der seit der Finanzkrise 2008 Großaktionär geblieben war. Die Bundesregierung unter Olaf Scholz war überrumpelt und sprach von einem „unfreundlichen Angriff“. UniCredit-Chef Andrea Orcel gab sich betont gelassen.
In den folgenden Monaten stockte UniCredit ihren Anteil schrittweise auf, auch über Finanzinstrumente und Derivate. Im März 2025 genehmigte die Europäische Zentralbank die Aufstockung auf knapp 30 Prozent, das Bundeskartellamt folgte. Seit diesem Zeitpunkt ist UniCredit der größte Einzelaktionär der Commerzbank, noch vor dem deutschen Staat.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| September 2024 | UniCredit erwirbt überraschend rund 9 Prozent der Commerzbank |
| März 2025 | EZB und Bundeskartellamt genehmigen Aufstockung auf knapp 30 Prozent |
| 16. März 2026 | UniCredit kündigt freiwilliges Übernahmeangebot per Pressemitteilung an |
| 4. Mai 2026 | UniCredit-Aktionäre genehmigen Kapitalerhöhung um bis zu 470 Mio. Aktien |
| 5. Mai 2026 | Formales Übernahmeangebot: 0,485 UniCredit-Aktien je Commerzbank-Papier |
| 8. Mai 2026 | Commerzbank legt starke Q1-Zahlen vor, kündigt Strategie „Momentum 2030“ an |
| 10. Juni 2026 | Commerzbank: kein institutioneller Investor hat Angebot angenommen |
| 16. Juni 2026 | Ende der Annahmefrist (heute) |
Das Angebot lautet: 0,485 neue UniCredit-Aktien für jede Commerzbank-Aktie. Eine Barkomponente ist nicht vorgesehen. Zum Zeitpunkt der Angebotsabgabe am 5. Mai 2026 entsprach das bei einem UniCredit-Kurs von rund 67 Euro etwa 32,50 Euro je Commerzbank-Aktie. Damit wurde die Commerzbank mit rund 35 Milliarden Euro bewertet.
Das Problem: Der Commerzbank-Aktienkurs liegt seit Wochen über dem Angebotspreis. Am 5. Mai notierte die Commerzbank-Aktie bei gut 35 Euro, also über dem Angebotswert. Für rationale Aktionäre ist das Angebot damit derzeit unattraktiv: Wer annimmt, tauscht Commerzbank-Aktien gegen UniCredit-Aktien und realisiert dabei einen Verlust gegenüber dem Marktpreis.
Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hat das Angebot klar abgelehnt und eine Gesprächsbereitschaft nur unter einer Bedingung signalisiert: wenn UniCredit bereit sei, eine attraktive Prämie zu bieten. Am 8. Mai 2026 präsentierte sie gleichzeitig mit den Quartalszahlen die neue Strategie „Momentum 2030“: Die Commerzbank will bis 2030 einen Nettogewinn von 4,2 Milliarden Euro erreichen, 600 Millionen Euro in Künstliche Intelligenz investieren und weitere 3.000 Stellen abbauen. Das Quartal selbst war stark und übertraf die Analystenerwartungen deutlich.
Die Botschaft ist klar: Die Commerzbank ist alleine stark genug. Analysten der Bank of America sehen das Kursziel der Commerzbank-Aktie bei 42 Euro, das Bankhaus Metzler bei 40 Euro. Beide Werte liegen deutlich über dem UniCredit-Angebot.
Die Annahmefrist endet heute. Nach aktuellem Stand haben keine institutionellen Investoren das Angebot angenommen. Das bedeutet: UniCredit kann ihr Ziel, die Mehrheit zu erlangen, mit diesem Angebot nicht erreichen. Damit gibt es mehrere mögliche Szenarien.
Erstens kann UniCredit das Angebot scheitern lassen und ihren Anteil von knapp 30 Prozent zunächst behalten. Das gibt Orcel Zeit, den Druck auf einem niedrigeren Niveau weiterzuhalten. Zweitens kann UniCredit die Konditionen nachbessern, also mehr bieten. Orcel hat das in Interviews nicht ausgeschlossen. Drittens könnte UniCredit direkte Gespräche mit der Commerzbank aufnehmen, was Orcel eigentlich bevorzugt. Voraussetzung dafür wäre eine Einigung über den Preis und Einblick in die Bücher der Commerzbank, was diese bisher verweigert.
Ein Abschluss des Übernahmeverfahrens ist laut UniCredit selbst frühestens 2027 zu erwarten, da unabhängig vom Ergebnis verschiedene regulatorische Genehmigungen eingeholt werden müssen.
Für die rund 11 Millionen Privat- und Unternehmenskunden der Commerzbank in Deutschland ist die unmittelbare Auswirkung gering. Das Tagesgeschäft läuft unverändert. Mittel- bis langfristig ist jedoch relevant, welche Bank am Ende des Prozesses aus der Commerzbank wird.
Eine vollständig in UniCredit integrierte Commerzbank würde ihre eigenständige deutsche Identität verlieren. Der Zugang zu deutschen Entscheidungsträgern, die enge Verbindung zum Mittelstand und die spezifische Kenntnis des deutschen Marktes sind Stärken, die bei einer vollständigen Integration unter Druck geraten könnten. Mittelständler, die die Commerzbank als Hausbank haben, sollten die Entwicklung im Blick behalten und gegebenenfalls Gespräche mit alternativen Bankpartnern vorbereiten.
Weitere aktuelle Wirtschaftsnachrichten finden sich in den Artikeln Bosch Stellenabbau 2026 und Rentenerhöhung 2026.
© All rights reserved.