Air Baltic, Lettlands nationale Fluggesellschaft, sorgte zuletzt mit Finanznöten für Schlagzeilen. Viele Branchenbeobachter fragen sich, ob dem Unternehmen die Insolvenz droht. Nach gründlicher Recherche lässt sich sagen: Air Baltic steht trotz erheblicher Schulden und Verluste aktuell nicht unmittelbar vor der Pleite, jedoch bleibt die finanzielle Lage angespannt. Dank frischer Investorengelder und staatlicher Unterstützung kann die Airline vorerst weiterfliegen, doch langfristig sind weitere Maßnahmen nötig, um die Zukunft zu sichern.
Der Ursprung der aktuellen finanziellen Schieflage liegt in hohen Schulden und pandemiebedingten Verlusten der vergangenen Jahre. Bereits Anfang 2024 war klar, dass Air Baltic vor einer großen Herausforderung steht. Im Juli 2024 musste eine Anleihe über 200 Mio. € zurückgezahlt werden, Geld, das die Airline nicht flüssig hatte. Um diese Verbindlichkeit zu bedienen, begab Air Baltic im Mai 2024 neue Unternehmensanleihen im Umfang von 340 Mio. € zu einem Zinssatz von 14,5%. Diese Umschuldung verschaffte zwar kurzfristig Luft, bedeutet aber gleichzeitig eine enorme Zinslast. Allein der Schuldendienst dürfte nun jährlich rund 50 Mio. € verschlingen, was die ohnehin knappen Finanzmittel weiter strapaziert.
Zudem war das Eigenkapital des Unternehmens über Jahre hinweg negativ, wie Aufsichtsratschef Klavs Vasks Anfang 2025 einräumte. Hohe Verluste hatten das Grundkapital aufgezehrt. Im Geschäftsjahr 2024 verbuchte Air Baltic einen Verlust von rund 118 Mio. €. Damit stand das Unternehmen bilanziell auf wackligem Fundament und konnte seinen strategischen Zielen nicht mehr aus eigener Kraft nachkommen. Vasks betonte in einem Beitrag, dass die aktuelle Zinsbelastung der Anleihen für den langfristigen Betrieb nicht tragbar sei und Air Baltic an einem wichtigen Scheideweg stehe. Ohne eine deutliche Stärkung der Kapitalbasis könne die Airline nicht nachhaltig weiterarbeiten.
Bereits in der Vergangenheit geriet Air Baltic in existenzielle Krisen, die nur durch externe Finanzspritzen abgewendet wurden. So meldete die Airline im September 2011 aufgrund eines Defizits von etwa 84 Mio. € formell Insolvenz an. Der Flugbetrieb lief zwar weiter, doch erst eine Kapitalspritze und die Übernahme durch den Staat verhinderten den Zusammenbruch. Die lettische Regierung übernahm damals 99,8% der Anteile und rettete die Gesellschaft so vor dem Aus. In der COVID-19-Krise 2020 sprang der Staat erneut mit 250 Mio. € Eigenkapital ein, um die pandemiebedingten Verluste zu überbrücken. Diese Historie zeigt, dass staatliche Rettungsaktionen bei Air Baltic wiederholt eine Rolle gespielt haben und die Erwartung weiterer Hilfen auch 2024 und 2025 präsent war.
Angesichts der kritischen Finanzlage suchte Air Baltic ab 2022 und 2023 aktiv nach neuen Investoren. Die lettische Regierung hatte signalisiert, langfristig den staatlichen Anteil reduzieren zu wollen. Aktuell hält der Staat noch knapp 98%. Ein strategischer Kerninvestor sollte Vertrauen schaffen und frisches Kapital einbringen. Die Gespräche gestalteten sich jedoch schwieriger als erhofft. Klavs Vasks berichtete Anfang 2025, dass Verhandlungen mit einem potenziellen Investor nicht so reibungslos wie erhofft verliefen. Insider vermuteten früh, dass es sich bei dem interessierten Investor um die Lufthansa Group handeln könnte, bestätigt wurde dies zunächst jedoch nicht.
Vasks schlug Alarm. Wenn sich die Investorensuche weiter verzögere, benötige die mehrheitlich staatliche Fluggesellschaft bald zusätzliches Kapital, um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Er brachte eine erneute Kapitalspritze des Staates ins Spiel. Diese sei höchstwahrscheinlich unvermeidlich, es sei denn, der Staat ist bereit, seine Investition zugunsten anderer Investoren vollständig aufzugeben. Anders ausgedrückt: Ohne baldige private Geldgeber würde wohl erneut der Steuerzahler einspringen müssen, was politisch in Lettland umstritten wäre, da man eine lokale PR-Krise bei weiterer Staatsbeihilfe befürchtete.
In dieser angespannten Situation kam im Januar 2025 die erlösende Nachricht. Die Lufthansa Group bestätigte ihren Einstieg bei Air Baltic. Der Konzern übernimmt bis zu 10% der Anteile der lettischen Airline und stellt damit einen wichtigen Partner finanziell auf stabilere Beine. Lufthansa-Chef Carsten Spohr nutzte die Gelegenheit, nachdem die Übernahme der italienischen ITA Airways in trockenen Tüchern war, um nun auch in Riga aktiv zu werden. Air Baltic galt für Lufthansa schon länger als angeschlagene Partner-Airline, die man nicht fallen lassen wollte. Mit dem Minderheitsanteil stabilisiert Lufthansa einen wichtigen Partner.
Ein Airbus A220-300 von Air Baltic am Flughafen: Die lettische Airline war Erstkunde dieses Modells und betreibt eine reine A220-Flotte. Über Wet-Lease stellt Air Baltic bis zu 21 ihrer Jets an Lufthansa-Konzernairlines, um Engpässe abzudecken. Diese Partnerschaft wurde bis 2028 verlängert und unterstreicht die enge Verzahnung beider Airlines.
Im August 2025 meldete Air Baltic den erfolgreichen Abschluss der Investorensuche. Neben der bereits vereinbarten Lufthansa-Beteiligung stockte auch der lettische Staat sein Engagement nochmals leicht auf, sodass insgesamt 28 Mio. € neues Kapital in die Gesellschaft flossen. Die Lufthansa Group erwarb für 14 Mio. € Wandelaktien im Gegenwert von 10% an Air Baltic und erhielt einen Sitz im Aufsichtsrat. Diese Wandelanteile sollen beim geplanten Börsengang in reguläre Aktien umgewandelt werden. Je nach Aktienkurs wird Lufthansa dann mindestens 5% der Anteile behalten. Parallel investierte Lettland zu denselben Konditionen, um seinen Einfluss zu wahren. Mit dem Einstieg Lufthansas und der staatlichen Kapitalerhöhung war der Fortbestand von Air Baltic kurzfristig gesichert, die drängendste Liquiditätskrise wurde abgewendet.
Bemerkenswert ist, dass im Zuge der Neuaufstellung des Unternehmens personelle Konsequenzen folgten. Langzeit-CEO Martin Gauss musste im April 2025 seinen Posten räumen. Die Anteilseigner sprachen Gauss auf einer außerordentlichen Versammlung das Misstrauen aus. Als Gründe galten die Verzögerungen beim Börsengang, die teure Anleihe-Refinanzierung und der hohe Verlust 2024. Übergangsweise übernahm COO Pauls Cālītis, ein Branchenveteran mit 30 Jahren Erfahrung bei Air Baltic, die Führung. Beobachter werteten den CEO-Wechsel als Signal an die Investoren, dass man einen Neuanfang wagt, um die Airline zurück in die Gewinnzone zu führen.
Die finanzielle Talsohle schien 2024 durchschritten zu sein. Im ersten Halbjahr 2025 erzielte Air Baltic so hohe Einnahmen wie noch nie. Der Umsatz lag bei 349,6 Mio. €, ein Plus von 3% gegenüber dem Vorjahr und ein Rekord für ein erstes Halbjahr. Besonders erfreulich: Im zweiten Quartal 2025 erwirtschaftete die Airline einen Nettogewinn von 27,6 Mio. €, getragen von steigenden Passagierzahlen und guter Auslastung. Insgesamt schrumpfte der Nettoverlust für das erste Halbjahr 2025 auf nur noch 1,7 Mio. €, während im ersten Halbjahr 2024 noch 88,8 Mio. € Verlust angefallen waren. Diese drastische Verbesserung, nahezu eine schwarze Null, zeigt, dass das Tagesgeschäft wieder profitabler läuft. Interim-CEO Cālītis betonte, die Ergebnisse seien ein Beleg für die Resilienz des Betriebs und die anhaltend hohe Nachfrage nach Air-Baltic-Flügen. Die Angebotsausweitung und das Vertrauen der Kunden scheinen intakt.
Allerdings haben auch 2025 einige externe Umstände der Airline zugesetzt. Ein großes Problem ist der anhaltende Triebwerksmangel bei den Airbus A220-Jets mit Pratt & Whitney Triebwerken, die das Rückgrat der Flotte bilden. Anfang 2025 musste Air Baltic verkünden, dass 4.670 Flüge im Jahr 2025 ausfallen, weil durch Verzögerungen bei Triebwerkslieferungen viele A220 vorübergehend am Boden bleiben. Insgesamt 19 Strecken wurden komplett eingestellt, unter anderem Verbindungen ab Riga, Vilnius und Tallinn, und auf weiteren 21 Routen die Frequenzen teils drastisch reduziert. Auch Deutschland war betroffen, etwa wurde die Verbindung Tallinn-Hamburg eingestellt. Für rund 67.000 gebuchte Passagiere bedeutete dies Umbuchungen oder Erstattungen. Zwar ist dieser Schritt primär auf den Herstellerfehler zurückzuführen, doch die Auswirkungen treffen Air Baltic finanziell und reputationsseitig. Zum einen entgehen Einnahmen, zum anderen muss die Airline Ersatzmaschinen anmieten, um wichtige Strecken aufrechtzuerhalten. Im Sommer 2025 standen im Schnitt neun Flugzeuge mangels Triebwerken am Boden. Air Baltic sah sich gezwungen, kostspielige Wet-Lease Kapazitäten von anderen Airlines einzukaufen, um den Flugplan zumindest teilweise zu erfüllen. Dies trieb die Betriebskosten weiter in die Höhe und drückte auf die Gewinnmarge.
Zusätzlich belasten allgemeine Kostensteigerungen die Bilanz. Gebühren für Flugsicherung, etwa bei Eurocontrol, stiegen um über 30%. Personal- und Wartungskosten legten ebenfalls überproportional zu. Durch strengere EU-Klimavorgaben muss Air Baltic inzwischen auch deutlich mehr für CO2-Zertifikate zahlen, im zweiten Quartal 2025 lagen die Kosten rund 52% höher. Diese Faktoren schmälern den operativen Gewinn, trotz guter Nachfrage. Cālītis räumt ein, dass man weiterhin mit hohen operativen Kosten und dem andauernden Triebwerksproblem kämpfe. Profitabilität bleibt daher ein fragiles Gut. Zwar gelang in Q2 ein Gewinn, doch ob das Gesamtjahr 2025 unterm Strich positiv ausfällt, ist ungewiss, zumal Zinsaufwendungen und Leasingkosten erheblich sind. Immerhin: Das Geschäftsmodell mit Wet-Leasing zahlt sich in Teilen aus. Bereits 20% des Umsatzes erzielt Air Baltic durch das Verleasen von Flugzeugen und Crews an andere Airlines. Allein für die Lufthansa Group betrieb Air Baltic im Sommer 2025 zeitweise bis zu 19 Jets. Diese Zusatzeinnahmen helfen, die Winterflaute im Baltikum zu überbrücken und die Flotte auszulasten.
Um die finanzielle Basis nachhaltig zu stärken, setzt Air Baltic auf einen Börsengang. Ursprünglich war das IPO bereits für 2024 geplant und wurde dann auf 2025 verschoben. Aufgrund ungünstiger Marktbedingungen und interner Umbrüche entscheidet man sich nun, den Börsengang erst 2026 durchzuführen. Die neue Führung will zunächst das operative Geschäft weiter stabilisieren und einen dauerhaften CEO installieren, bevor man den Gang aufs Parkett wagt. Die lettische Regierung drängt zudem darauf, Estland und Litauen als Mit-Eigentümer ins Boot zu holen, bevor Air Baltic privatisiert wird. Eine Beteiligung der Nachbarstaaten würde die Airline zu einem wirklich baltischen Gemeinschaftsprojekt machen und das Risiko breiter verteilen.
Bis zum IPO muss Air Baltic finanziell durchhalten und hier spielen die jüngsten Maßnahmen eine Schlüsselrolle. Die Beteiligung der Lufthansa und die parallele Staatsinvestition im Jahr 2025 waren ein wichtiger erster Schritt, um Vertrauen aufzubauen und liquide Mittel bereitzustellen. Laut Unternehmensangaben kann Air Baltic mit der aktuellen Kapitalausstattung voraussichtlich bis Ende 2025 ohne weitere externe Finanzierung auskommen. Sollte sich der Börsengang jedoch weiter verzögern oder weniger Erlös bringen als erhofft, könnte erneut eine Kapitalerhöhung oder staatliche Hilfe nötig werden. Die Ratingagentur Fitch setzte im Mai 2025 den Ausblick auf negativ, bestätigte aber das Rating mit B minus. Das spiegelt Unsicherheit über den IPO-Termin und die Kapitaldecke wider, zeigt zugleich aber, dass dem Unternehmen grundsätzlich die Erfüllung seiner Verpflichtungen zugetraut wird, wenn auch mit erhöhtem Risiko.
Positiv stimmt, dass Air Baltic für 2025 einen deutlichen Aufwärtstrend verzeichnet. Über 5,2 Mio. Passagiere will man bis Jahresende befördern, ein neuer Rekordwert. Die Flotte soll bis Mitte 2026 auf 57 Maschinen wachsen, um der Nachfrage gerecht zu werden. Diese Expansionspläne setzen allerdings voraus, dass genug Kapital für neue Flugzeuge und Ersatzteile vorhanden ist. Der geplante Erlös des IPO dient vor allem dazu, die teuren Schulden mit 14,5% Zins abzulösen und so die Zinslast zu senken. Gelingt dies, hätte Air Baltic eine realistische Chance auf langfristige Rentabilität.
Ist Air Baltic also pleite oder kurz davor? Klare Antwort: Nein, aktuell droht keine akute Insolvenz. Trotz zeitweiser Zahlungsengpässe und der Verluste von 2024 konnte die Airline durch Umschuldung und neue Investorengelder den Betrieb sichern. Die Beteiligung der Lufthansa und das Engagement des lettischen Staates haben Air Baltic vorerst stabilisiert und signalisieren Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Von einer Pleite kann derzeit keine Rede sein.
Allerdings bleibt die finanzielle Situation angespannt. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Air Baltic ohne externe Hilfe nicht überlebensfähig gewesen wäre. Das Geschäftsmodell mit moderner, effizienter Flotte und verstärktem Wet-Leasing ist vielversprechend, reicht aber noch nicht aus, um die Altlasten zu schultern. Ohne den Erfolg des geplanten Börsengangs 2026 und weitere Restrukturierungen könnte das Unternehmen erneut in Schwierigkeiten geraten. Die Zeichen stehen jedoch auf vorsichtigen Optimismus. Mit steigenden Passagierzahlen, einer engeren Partnerschaft mit Lufthansa und der Perspektive frischen Kapitals hat Air Baltic eine reale Chance, den Turnaround zu schaffen. Eine unmittelbare Pleitegefahr besteht nicht, doch der Weg zu langfristiger finanzieller Gesundheit ist noch weit. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Schuldenlast zu reduzieren und wieder nachhaltig profitabel zu wirtschaften, damit die Frage Steht Air Baltic vor der Pleite? bald der Vergangenheit angehört.
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