letzte Aktualisierung: Okt. 2025
Ist der amerikanische Elektroauto-Hersteller Fisker Inc. pleite? Diese Frage stellen sich viele Fans und Kunden des vielversprechenden Start-ups. Nach einer rasanten Aufstiegsgeschichte und großen Plänen häuften sich zuletzt Berichte über finanzielle Schieflagen. Die kurze Antwort: Ja, Fisker ist insolvent und wird derzeit abgewickelt. Im Juni 2024 meldete das Unternehmen in den USA Gläubigerschutz nach Chapter 11 an. Seither laufen auch in Europa Insolvenzverfahren, um das ambitionierte E-Auto-Projekt rund um den SUV Fisker Ocean abzuwickeln. Doch wie kam es dazu, und was bedeutet das für Kunden und die Elektroauto-Branche?
Fisker galt einst als Herausforderer von Tesla. Gründer Henrik Fisker, ein renommierter Autodesigner, versprach nicht weniger als eine Revolution des Elektro-SUV-Marktes. 2020 ging Fisker durch einen SPAC-Börsengang an die New Yorker Börse und sammelte beträchtliches Kapital ein. Das Flaggschiff Fisker Ocean wurde ab Ende 2022 in Kooperation mit Magna in Österreich produziert und ab 2023 an erste Kunden ausgeliefert. Doch schon bald mehrten sich Warnsignale. Bis Ende 2023 liefen die Fertigung und Auslieferung deutlich langsamer als geplant: Statt der avisierten 40.000 Fahrzeuge pro Jahr wurden bis Jahresende 2023 nur gut 10.000 gebaut und weniger als 5.000 tatsächlich an Kunden übergeben. Diese Diskrepanz zeigte, dass Fisker die Nachfrage und Produktionskapazität stark überschätzt hatte.
Im Frühjahr 2024 spitzte sich die Finanzlage drastisch zu. Ende Februar 2024 warnte Fisker öffentlich, dass ohne frisches Kapital die Existenz des Unternehmens bedroht sei. Gleichzeitig häuften sich technische Probleme: Die US-Verkehrsbehörde NHTSA eröffnete mehrere Untersuchungen zum Fisker Ocean aufgrund von Bremsausfällen, plötzlichem Fahrzeugstillstand und anderen Sicherheitsmängeln. Fisker reagierte mit Software-Updates und betonte, man habe fast alle Probleme gelöst, doch das Vertrauen litt. Anfang März 2024 platzte dann eine hoffnungsvolle Rettung: Ein geplanter Deal mit einem großen Autohersteller, mutmaßlich Nissan, scheiterte in letzter Minute. Dieser potenzielle Partner hätte Fisker dringend benötigtes Kapital zuführen sollen. Mit dem geplatzten Deal war die letzte Chance auf eine Finanzspritze vertan.
Im März 2024 geriet Fisker weiter unter Druck. Am 25. März 2024 wurde der Aktienhandel an der NYSE ausgesetzt, da der Kurs auf einen ungewöhnlich niedrigen Wert gefallen war. Kurz darauf musste Fisker eingestehen, den Überblick über Kundenzahlungen verloren zu haben. Durch internes Chaos gingen zeitweise Anzahlungen und Kaufpreiszahlungen in Millionenhöhe verloren bzw. wurden nicht korrekt verbucht. Es kam vor, dass Autos ausgeliefert wurden, ohne dass der Kaufpreis eingezogen war – ein Symptom gravierender organisatorischer Missstände.
In den folgenden Wochen versuchte Fisker, durch drastische Maßnahmen Zeit zu gewinnen. Das Unternehmen stoppte Ende März die Produktion des Ocean, um Kosten zu senken und nach Investoren zu suchen. Mitte März verfügte Fisker nur noch über 121 Millionen US-Dollar liquide Mittel, während kurzfristig 182 Millionen Dollar fällig waren. Die Firma sprach selbst von erheblichen Zweifeln, den Betrieb ohne neues Kapital fortführen zu können. Es folgten mehrere Entlassungswellen: zunächst 15 Prozent der Belegschaft im Februar, dann Hunderte weitere Mitarbeiter bis Ende Mai. Insidern zufolge schrumpfte die Belegschaft auf etwa 150 Kern-Mitarbeiter zusammen. Auch bei Zulieferern und Partnern häufte Fisker Schulden an – etwa bei Entwicklungsbüros, die seit April nicht mehr bezahlt wurden. All diese Zeichen deuteten auf ein nahendes Ende hin.
Am 18. Juni 2024 war es schließlich offiziell: Fisker Inc. stellte in den USA einen Insolvenzantrag nach Chapter 11. In den Gerichtsunterlagen gab das Unternehmen seine Vermögenswerte mit 500 Millionen bis 1 Milliarde Dollar an, denen Schulden von 100 bis 500 Millionen Dollar gegenüberstanden. Das Jahrhundertprojekt Fisker Ocean war damit gescheitert. Branchenkenner waren kaum überrascht – zu deutlich waren die Liquiditätsprobleme und Fehlschläge in den Monaten zuvor zutage getreten. Bis Herbst 2024 zeichnete sich keine Rettung mehr ab.
Fisker wollte gleichzeitig vier verschiedene Modelle entwickeln – ein immenses Programm für ein junges Unternehmen. Diese breite Aufstellung band Kapital und Ressourcen. Tatsächlich konnte Fisker am Ende nur den Ocean zur Serienreife bringen; sämtliche anderen Projekte blieben in der Entwicklungsphase stecken. Die Entwicklungsaufwände waren viel zu groß angelegt und überforderten die Firma finanziell und organisatorisch.
Von Beginn der Auslieferung an traten Softwarefehler und technische Mängel beim Fisker Ocean auf. Frühtester berichteten von Problemen im Batterie- und Bremssystem, klemmenden Türen und sich während der Fahrt öffnenden Fronthauben. Vier formale Untersuchungen der US-Behörde NHTSA innerhalb weniger Monate sprachen eine deutliche Sprache. Diese Mängel führten zu Verzögerungen und negativem Medienecho. Das Vertrauen der Kunden litt erheblich, während gleichzeitig Rückrufkosten drohten.
Hinter den Kulissen mangelte es an grundlegenden Strukturen. Fisker verlor den Überblick über Millionen an Kundengeldern, Ersatzteile fehlten und der Kundendienst war überfordert. Ehemalige Mitarbeiter berichten von einer chaotischen Organisation, in der grundlegende Prozesse eines Automobilherstellers nicht etabliert waren.
Henrik Fisker führte das Unternehmen gemeinsam mit seiner Ehefrau Geeta Gupta-Fisker, die als Finanzchefin fungierte. Diese Konstellation stieß bei Investoren auf Skepsis. Einige Geldgeber wurden offenbar abgeschreckt, da sie eine fehlende professionelle Distanz und Kontrolle befürchteten. Zusätzlich sorgte die Meldung, dass das Ehepaar noch vor dem Kollaps eigene Aktien verkauft hatte, für Vertrauensverlust.
Fiskers Geschäftsmodell setzte auf Outsourcing: Die Fertigung des Ocean erfolgte komplett bei Magna Steyr in Graz. Zwar sparte das Kosten, doch ein großer Teil der Wertschöpfung lag bei Magna. Diese Abhängigkeit erschwerte Kooperationen mit anderen Herstellern und nahm Fisker die Kontrolle über die Produktionsqualität. Kritiker meinen, das Capital-Light-Konzept – Fokus auf Design und Marketing, Auslagerung der Produktion – sei in diesem Umfang nicht tragfähig gewesen.
Neben internen Problemen traf Fisker auf ein schwieriges Umfeld. Die Nachfrage nach Elektroautos stagnierte 2023/24, gleichzeitig stiegen die Zinsen. Größere Konkurrenten wie Rivian oder Lucid verfügten über deutlich mehr Liquidität. Fisker fand keine neuen Investoren mehr. Der Börsenkurs spiegelte das schwindende Vertrauen wider. Im April 2024 belief sich der Nettoverlust des letzten Geschäftsjahres auf rund 760 Millionen Dollar. Der Insolvenzantrag war die logische Folge aus Managementfehlern und ungünstigen Marktbedingungen.
Seit der Insolvenzanmeldung bemühen sich Insolvenzverwalter in den USA und Europa, das verbleibende Vermögen zu sichern und geordnete Lösungen für Gläubiger und Kunden zu finden. In den USA läuft das Verfahren in Delaware, während in Österreich ein Sanierungsverfahren der Fisker GmbH durchgeführt wurde. Dieses sah eine Quote von 20 Prozent für die Gläubiger und die geordnete Liquidation des Unternehmens vor. Auch in Deutschland und anderen Ländern werden die lokalen Fisker-Niederlassungen geschlossen oder abgewickelt.
Für Kunden, die einen Fisker Ocean besitzen, ist die Situation kompliziert. Weltweit existieren nur knapp 5.000 Fahrzeuge, doch der Hersteller-Support ist praktisch zusammengebrochen. Zwar sollten einige Werkstätten autorisiert werden, um Service und Updates weiter bereitzustellen, doch Ersatzteile und Garantieleistungen bleiben ungewiss. Die Fahrzeuge, die Ende 2024 noch auf Lager waren, wurden mit hohen Rabatten verkauft – doch kaum jemand wollte ein E-Auto kaufen, dessen Hersteller bereits insolvent war.
Ein weiteres Problem betrifft die digitale Infrastruktur der Ocean-SUVs. Fisker setzte auf ein softwarezentriertes Fahrzeugdesign, das auf ständige Verbindung zur Cloud angewiesen war. Nach der Insolvenz wurden jedoch Server teilweise abgeschaltet. Viele Besitzer berichteten, dass ihre Fahrzeuge ohne Online-Anbindung nur eingeschränkt funktionierten. Grundlegende Funktionen wie Batteriemanagement oder das Öffnen der Türen waren teilweise beeinträchtigt. Diese Fälle sorgten für Aufsehen und zeigten, wie abhängig moderne Fahrzeuge von digitaler Herstellerunterstützung geworden sind.
Immerhin zeichnen sich in den USA Hilfen ab: Einige Banken und Hersteller bieten Rückkaufprogramme oder Ersatzangebote für betroffene Kunden an. In Europa hingegen bleibt die Lage unklar. Besitzer müssen auf Gewährleistungsrechte gegenüber Händlern hoffen oder auf eigene Kosten Lösungen finden.
Aktuell ist Fisker Inc. faktisch am Ende. Das Unternehmen befindet sich in der Liquidationsphase, ein Weiterbetrieb ist nicht in Sicht. Weder fand sich ein Käufer für die Marke, noch wird die Produktion fortgesetzt. Die letzten unverkauften Oceans stehen in Ausstellungsräumen oder Lagerhallen – Relikte eines einst großen Traums. Henrik Fisker, der bereits 2013 mit seinem ersten Unternehmen scheiterte, hat damit zum zweiten Mal ein Automobil-Start-up in die Pleite geführt. Branchenbeobachter zweifeln, dass er je wieder Investoren finden wird.
Für die Elektroauto-Branche ist der Niedergang Fiskers ein warnendes Beispiel. Er zeigt, wie schwierig es ist, als Newcomer gegen etablierte Hersteller zu bestehen. Es genügt nicht, ein schönes Design und eine starke Vision zu haben – entscheidend sind Produktionsqualität, Kapitaldisziplin und Serviceinfrastruktur. Neben Fisker kämpfen auch andere Start-ups mit finanziellen Problemen, doch Fiskers Fall ist einer der spektakulärsten der letzten Jahre.
Fisker ist derzeit nicht nur von Insolvenz bedroht, sondern de facto pleite. Das Unternehmen wird abgewickelt, und eine Rettung erscheint äußerst unwahrscheinlich. Für die bisherigen Kunden bleibt abzuwarten, ob sich Dienstleister oder neue Anbieter finden, die Wartung und Software-Unterstützung übernehmen. Der Fisker Ocean, einst als nachhaltigstes SUV der Welt angekündigt, könnte so zum Mahnmal der jungen E-Auto-Ära werden: Große Visionen und ein beeindruckendes Design reichen nicht aus, wenn am Ende die Zahlen nicht stimmen.
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