Die Nachricht schlug im vergangenen Jahr hohe Wellen: Gravis, einst Deutschlands größter Apple-Fachhändler, schließt alle Filialen. Viele Kunden und Branchenkenner fragen sich, ob das Unternehmen tatsächlich insolvent ist oder ob es andere Gründe für das Aus des traditionsreichen Händlers gibt. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe der Gravis-Schließung und klärt, ob dem Apple-Händler die Pleite droht oder ob er bereits Zahlungsunfähigkeit anmelden musste.
Im Frühjahr 2024 wurde bekannt, dass Gravis vor dem Aus steht. Die Mobilfunkfirma Freenet AG, seit 2013 Eigentümerin von Gravis, kündigte an, alle Standorte der Handelskette in Deutschland zu schließen. Insgesamt 37 bis 38 Gravis-Filialen – von Berlin über Hamburg bis München – sowie der Online-Shop wurden demnach zum 15. Juni 2024 weitestgehend geschlossen. Zuvor hatte es bereits im März 2024 Hinweise auf das Ende gegeben, jedoch ohne konkreten Zeitplan. Die endgültige Entscheidung markierte das Ende einer Ära im deutschen Apple-Einzelhandel, denn Gravis galt fast 40 Jahre lang als wichtiger Vertriebspartner für Apple-Produkte.
Die Schließungen erfolgten gestaffelt: Bis Mitte Juni 2024 lief noch ein Ausverkauf in den Läden und online, anschließend wurden bis Ende Juni letzte Servicefälle und Reparaturen abgewickelt. Spätestens am 30. Juni 2024 ließ Gravis die Rollos herunter. Seitdem sind sämtliche Ladengeschäfte dauerhaft geschlossen. Für viele Stammkunden in Städten ohne offiziellen Apple Store war Gravis zuvor eine wichtige Anlaufstelle – doch damit ist nun Schluss.
Der vollständige Rückzug vom Markt kam nicht völlig überraschend. Freenet-Chef Christoph Vilanek hatte zunächst versucht, Gravis an einen Investor zu verkaufen. So wurde beim Bundeskartellamt ein geplanter Verkauf an die österreichische Holding Anantara, Eigentümer der dortigen Apple-Handelskette McShark, angemeldet. Doch dieser Deal scheiterte. In einem Interview erklärte Vilanek Mitte März 2024 schließlich, dass bis 31. Dezember 2024 alle Gravis-Geschäfte geschlossen werden sollen.
„Wir haben lange gehofft und mit unserem österreichischen Partner McShark verhandelt. Auch eine Zusammenlegung hätte das Geschäft nicht gerettet. Wir müssen anerkennen, dass sich das nicht mehr lohnt“, begründete Vilanek den Schritt offen.
Damit war klar: Eine Rettung oder Übernahme von Gravis würde es nicht geben. Dabei hatte Freenet noch im Jahr 2023 versucht, die Kette durch ein neues Store-Konzept und optisches Rebranding moderner aufzustellen. Vilanek persönlich übernahm Mitte 2023 die Führung von Gravis und verpasste den Filialen einen frischeren Auftritt. Doch all diese Maßnahmen kamen letztlich zu spät oder blieben wirkungslos. Anfang 2024 zog der Eigentümer den Stecker: Gravis sollte abgewickelt werden. Ursprünglich war eine Schließung bis Ende 2024 vorgesehen, doch der Prozess beschleunigte sich – letztlich machte Gravis bereits zum 15. Juni dicht.
Ein Blick auf die finanziellen Hintergründe zeigt, dass Gravis bereits seit einiger Zeit in schwerem Fahrwasser war. Seit 2022 schrieb das Unternehmen kontinuierlich Verluste, wie Freenet einräumte. Die Ergebnisse waren mehr oder weniger jedes Quartal negativ und verschlechterten sich zunehmend. Im vergangenen Jahr suchte man vergeblich nach strategischen Partnern oder Fusionsmöglichkeiten, um das Ruder herumzureißen – doch kein stichhaltiges Konzept konnte die hohen Verluste ausgleichen. Spätestens Anfang 2024 stand Gravis finanziell mit dem Rücken zur Wand.
Tatsächlich meldete die Gravis GmbH im März 2024 Insolvenz an. Dieser Schritt wurde notwendig, da der Mehrheitseigentümer Freenet nicht länger bereit war, die Verluste des Apple-Händlers zu tragen. In Fachkreisen war zu hören, dass Gravis einen Gewinnabführungsvertrag mit Freenet hatte – Verluste mussten also bislang vom Eigentümer ausgeglichen werden. Als Freenet dies nicht mehr fortführen wollte, blieb praktisch nur der Weg in die geordnete Liquidation oder ein Insolvenzantrag. Offiziell bedeutete die Anmeldung der Insolvenz und die gleichzeitige Schließungsentscheidung das Aus für Gravis. Das Unternehmen wurde von da an als sogenanntes discontinued operation (nicht fortgeführtes Geschäft) in der Finanzberichterstattung der Freenet AG geführt. Freenet konzentriert sich nun auf Kernbereiche wie Mobilfunk und Abo-Dienstleistungen und hat den Hardware-Einzelhandel komplett aufgegeben.
Was hat Gravis in die Krise geführt? Die Ursachen sind vielfältig und teils struktureller Natur. Branchenschwäche im stationären Elektronikhandel spielte eine große Rolle: Wie viele Händler litt Gravis unter den Nachwirkungen der Corona-Pandemie mit rückläufiger Nachfrage im Elektronikbereich. Zugleich wuchs der Online-Handel immer stärker, was zulasten der Umsätze in den Ladengeschäften ging. Dieser generelle Markttrend traf Gravis hart, da das Unternehmen stark auf das Filialgeschäft ausgerichtet war.
Hinzu kamen hausgemachte Schwierigkeiten und branchenspezifische Probleme. Ein entscheidender Faktor, den sowohl Gravis selbst als auch Beobachter anführen, waren die veränderten Bedingungen in der Zusammenarbeit mit Apple. Der Apple-Konzern setzt immer stärker auf Direktvertrieb (Direct-to-Consumer) über eigene Stores und Online-Kanäle und gestattet autorisierten Händlern immer geringere Margen. Archibald Horlitz, der Gravis-Gründer, der das Unternehmen 1986 ins Leben rief und 2012 an Freenet verkaufte, schilderte es so: Früher lagen die Händlermargen bei Apple-Produkten bei bis zu 18 Prozent, mittlerweile nur noch bei rund 8 Prozent. Unter solchen Bedingungen ist es kaum möglich, profitabel zu wirtschaften – vor allem nicht mit dem kostspieligen Betrieb von Innenstadt-Filialen. Aufgrund des restriktiven Konditionsmodells seitens Apple sah Gravis keine Möglichkeit mehr, das Geschäft in Zukunft auskömmlich zu gestalten. Apple selbst wollte diese Vorwürfe nicht kommentieren.
Darüber hinaus hatte Gravis bereits vor Jahren seinen Status als reinrassiger Apple-Spezialist verloren. Nach der Übernahme durch Freenet positionierte man Gravis zunehmend als Digital-Lifestyle-Provider, der auch Mobilfunkverträge und Fremdmarken anbietet. Einige Branchenkenner monierten, dass dadurch das klare Apple-Profil verwässert wurde. Auch vorherige Wettbewerber erging es schlecht: 2015 ging die kleinere Apple-Kette mStore in die Insolvenz, und re:Store musste bereits 2014 von Gravis übernommen werden. Gravis war zuletzt der letzte große unabhängige Apple-Händler in Deutschland – während Apple selbst seit 2008 insgesamt 16 eigene Stores in der Bundesrepublik eröffnete. Die Konkurrenz durch Apples Flagship-Stores in den Großstädten nahm Gravis zusätzlich Kundschaft weg.
Die Schließung von Gravis rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Besonders deutlich äußerte sich Archibald Horlitz, der ehemalige CEO. Er zeigte sich maßlos enttäuscht von der Firma Apple, mit der er mehr als sein halbes Leben eng verbunden war. In einem Beitrag gab Horlitz dem US-Konzern eine Mitschuld an der Misere: Apple habe die Fachhändler nach und nach verhungern lassen, indem die Bedingungen einseitig verschärft wurden. Anfang der 2000er, so erinnert Horlitz, habe Apple jeden via Gravis verkauften iPod noch nötig gehabt – doch nach Einführung des iPhones 2007 sei das Verhältnis kühler geworden. Heute, im Jahr 2025, gibt es in Apples Vertriebsstrategie kaum noch Platz für freie Händler – der Konzern setzt lieber auf eigene Läden und seinen Online-Store.
Allerdings werfen manche die Frage auf, ob auch Freenet als Eigentümer eine Mitverantwortung trägt. Schließlich war Freenet primär ein Mobilfunkanbieter und kein Computerhändler. Die strategische Neuausrichtung von Gravis auf Lifestyle-Produkte und Mobilfunk mag das Unternehmen nicht ausreichend fit für den harten Wettbewerb im Elektronikhandel gemacht haben. Freenet-Chef Vilanek betonte jedoch, dass man viel versucht habe – von Investitionen in neue Ladenkonzepte bis hin zu Gesprächen mit Partnern – und letztlich die äußeren Marktbedingungen das Geschäftsmodell unrentabel gemacht hätten. Eigenes Fehlmanagement wurde öffentlich kaum eingestanden, die Verantwortung sieht man vor allem in den veränderten Marktstrukturen.
Von der Schließung waren hunderte Mitarbeiter betroffen. Bis zu 400 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz durch das Gravis-Aus. Freenet betonte, dass für alle Mitarbeiter ein Sozialplan ausgearbeitet wurde. Dieser sah individuelle Abfindungen vor, deren Höhe sich nach Betriebszugehörigkeit und sozialen Kriterien richtet. Entlassungen traten – unter Einhaltung aller Kündigungsfristen – frühestens zum 30. Juni 2024 in Kraft. Unsere Mitarbeitenden sind das Herzstück von Gravis, erklärte Freenet-Vorstandschef Vilanek in der Mitteilung zum Aus, es ist eine Selbstverständlichkeit, für eine sozialverträgliche Lösung zu sorgen. Der Konzern bedankte sich ausdrücklich bei allen Beschäftigten für deren langjährigen Einsatz. Dennoch dürfte der Jobverlust für viele eine bittere Realität gewesen sein – gerade auch, weil Gravis in einigen Städten ein wichtiger Arbeitgeber im Tech-Einzelhandel war.
Kunden von Gravis mussten sich derweil fragen, was mit Garantien, Reparaturen oder Gutscheinen passiert. Hier gab das Unternehmen Entwarnung: Alle Garantieansprüche würden auch nach der Schließung erfüllt, sicherte Gravis zu. Laufende Hardware-Schutzbriefe oder Versicherungen blieben gültig, da diese über Partner wie die Targo-Versicherung liefen. Kunden mit Abo-Verträgen (etwa Handyversicherungen oder Services) waren ebenfalls nicht unmittelbar betroffen, da der Vertragspartner ein externer Dienstleister war. Wichtig war jedoch: Neue Reparaturaufträge nahm Gravis nur noch bis zum 15. Mai 2024 an; danach konzentrierten sich die Servicecenter darauf, vorhandene Aufträge fertigzustellen. In den letzten Wochen vor der Schließung lockte Gravis die Kunden zudem mit einem Schlussverkauf, bei dem Restposten und Zubehör teils vergünstigt angeboten wurden – allerdings blieben große Rabatte auf Apple-Hardware aus, da Apple dies vertraglich begrenzt.
Nach gründlicher Analyse lässt sich die eingangs gestellte Frage klar beantworten. Ja, Gravis ist de facto pleite. Der einst führende Apple-Händler in Deutschland hat im März 2024 Insolvenz angemeldet und sein komplettes Geschäft bis Juni 2024 eingestellt. Damit ist Gravis nicht nur von einer Pleite bedroht, sondern hat die Zahlungsunfähigkeit bereits eingestanden und wird derzeit abgewickelt. Es gibt keine Anzeichen für einen Fortbestand oder eine Rettung der Marke – im Gegenteil: Die Freenet AG hat Gravis endgültig aufgegeben und aus ihrer Unternehmensstrategie gestrichen.
Aktuell (Stand Herbst 2025) existiert Gravis nur noch auf dem Papier im Rahmen des Insolvenzverfahrens beziehungsweise der Liquidation. Für Apple-Kunden in Deutschland bedeutet dies, dass sie künftig auf Apple-Stores, den Online-Handel oder andere Elektronikhändler ausweichen müssen. Eine drohende neue Insolvenz besteht nicht mehr – denn Gravis als Unternehmen ist bereits Geschichte. Offiziell spricht Freenet davon, dass man sich schweren Herzens zu diesem Schritt gezwungen sah, da das Geschäft unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr nachhaltig profitabel betrieben werden konnte.
Zusammengefasst: Gravis ist durch hohe Verluste, veränderte Marktbedingungen und ausbleibende Alternativen in die Knie gezwungen worden. Der Apple-Händler hat den Geschäftsbetrieb eingestellt und befindet sich in Auflösung. Eine akute Bedrohung einer Pleite besteht nicht mehr, weil die Insolvenz bereits Realität geworden ist. Für langjährige Kunden und Mitarbeiter bedeutet das zwar das Ende einer Institution – doch Gravis ist derzeit nicht mehr von einer neuen Insolvenz bedroht, sondern faktisch bereits insolvent und aus dem Markt ausgeschieden. Damit bestätigt sich: Die Ära Gravis im deutschen Apple-Handel ist vorbei, und eine Wiederauferstehung ist nicht in Sicht.
© All rights reserved.