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Grünwelt Energie: Droht die Pleite oder nicht? Der aktuelle Stand des Anbieters

Steckt Grünwelt Energie in Zahlungsschwierigkeiten oder droht gar die Insolvenz? Diese Frage beschäftigt viele Kunden und Beobachter des Energiemarkts. Ende 2021 sorgte die Marke Grünwelt Energie, ein Vertriebsname des Discounters Stromio, für Schlagzeilen, als sie über Nacht sämtliche Strom- und Gaslieferverträge kündigte. Hunderttausende Haushalte standen plötzlich ohne Vertrag da und mussten vom Grundversorger übernommen werden. Dieses abrupte Lieferende weckte den Verdacht, Grünwelt Energie sei pleite gegangen. Doch ist das Unternehmen tatsächlich insolvent, oder konnte es sich aus der Krise retten? In diesem Artikel beleuchten wir die Hintergründe der Ereignisse der letzten Jahre und klären den aktuellen Zustand von Grünwelt Energie.

Hintergrund: Vom Ökostrom-Discounter zum Problemfall

Grünwelt Energie trat seit 2011 als Ökostrom-Marke der Stromio GmbH am deutschen Energiemarkt auf. Die 2009 gegründete Stromio GmbH mit Sitz in Kaarst (NRW) bot günstige Strom- und Gastarife für Privat- und Gewerbekunden an. Unter Grünwelt vermarktete Stromio 100 Prozent Ökostrom aus erneuerbaren Quellen sowie klimaneutrales Gas. Das Geschäftsmodell war typisch für Energiediscounter: Neukunden wurden mit sehr günstigen Preisen im ersten Jahr und Boni gelockt, doch ab dem zweiten Jahr drohten teils versteckte Preiserhöhungen und Kostenanstiege. Trotz solcher Taktiken zählte Grünwelt Energie vor 2021 zu den bekanntesten alternativen Versorgern und erhielt auf Vergleichsportalen zeitweise gute Bewertungen.

Lieferstopp 2021: Hunderttausende Kunden betroffen

Im Dezember 2021 geriet Grünwelt Energie in den Sog der Energiepreis-Krise. Die Großhandelspreise für Strom und Gas schossen in die Höhe – für Discounter wie Stromio und Grünwelt, die sich stark auf kurzfristige Spotmarkteinkäufe stützten, ein Desaster. Am 7. Dezember 2021 informierten die Marken gas.de und Grünwelt Energie ihre Kunden, dass die Energiebelieferung eingestellt werde. Wenige Tage später, am 21. Dezember, kündigte die Stromio GmbH mit ihren Marken Stromio und Grünwelt alle Stromlieferverträge und stellte die Versorgung ein. Nach Branchenschätzungen waren bundesweit mehrere hunderttausend Kunden betroffen, die abrupt in die teure Ersatzversorgung fielen.

Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber (50Hertz, Amprion, TransnetBW, TenneT) hatten Stromio zuvor sämtliche Bilanzkreisverträge fristlos gekündigt, weil der Versorger offenbar die erforderlichen Sicherheiten nicht mehr hinterlegen konnte. Ohne gültigen Bilanzkreisvertrag war eine Belieferung technisch und rechtlich unmöglich, sodass Stromio und Grünwelt den Stecker ziehen mussten.

Diese Entwicklung kam für viele Kunden ohne Vorwarnung. Zahlreiche Betroffene erfuhren erst aus den Medien oder verspäteten Mitteilungen von ihrem plötzlichen Versorger-Aus. Besonders brisant: Noch am Tag der Kündigungen warb Grünwelt Energie auf seiner Website um Neukunden und betonte Zuverlässigkeit und Service. Die Verbraucherzentrale bezeichnete das Vorgehen als vertragswidrig und riet Kunden, Schadensersatzforderungen zu stellen. Denn obwohl die Ersatzversorgung einspringt, mussten viele Haushalte durch die Grundversorgung deutlich höhere Preise zahlen. Diesen Mehrkosten-Schaden können Betroffene prinzipiell gegenüber dem ursprünglichen Anbieter geltend machen – allerdings nur solange das Unternehmen nicht insolvent ist.

Insolvenz oder nicht? Klarheit über den Pleite-Status

Trotz der dramatischen Lage Ende 2021 hat Grünwelt Energie beziehungsweise die dahinterstehende Stromio GmbH bis heute keinen Insolvenzantrag gestellt. Die Annahme, Stromio oder Grünwelt sei pleite, beruhte vor allem auf dem Lieferstopp und der Kündigung der Bilanzkreisverträge. Tatsächlich ging das Unternehmen aber nicht in Insolvenz: Es gab keine offizielle Insolvenzeröffnung, weder Ende 2021 noch später. Vielmehr nutzte der Anbieter offenbar eine rechtliche Grauzone: Durch den Lieferstopp konnte er vorhandene Gas- und Stromkontingente, die für die nun gekündigten Kunden nicht mehr benötigt wurden, vermutlich gewinnbringend am Großhandelsmarkt weiterverkaufen. Dieses Vorgehen verschaffte der Firma Liquidität und ersparte den formellen Gang zum Insolvenzgericht.

Wichtig ist der Unterschied: Insolvenz hätte bedeutet, dass ein Insolvenzverwalter eingesetzt wird und Gläubiger, inklusive Kunden mit Guthaben oder Schadenersatz, nur noch geringe Chancen auf ihr Geld haben. Beim bloßen Lieferstopp ohne Insolvenz hingegen blieb Grünwelt rechtlich handlungsfähig. Kunden konnten also weiterhin Schadenersatz fordern und eventuell ihre Restguthaben ausgezahlt bekommen. In der Tat signalisierte Stromio, man werde Endabrechnungen erstellen und Guthaben sowie Boni auszahlen. Zahlreiche Verbraucher machten von der Möglichkeit Gebrauch, Ansprüche geltend zu machen, solange Grünwelt Energie zahlungsfähig blieb.

Unterm Strich lautet die klare Aussage nach heutiger Faktenlage: Grünwelt Energie ist aktuell nicht insolvent. Weder 2021 noch 2022 oder 2023 wurde eine Pleite offiziell bekannt. Damit steht fest, dass Grünwelt Energie derzeit nicht von einer Insolvenz bedroht ist. Allerdings hatte es 2021 und 2022 offenkundig ernste Liquiditätsprobleme. Das Unternehmen konnte diese Krise jedoch überstehen, ohne Insolvenz anzumelden.

Juristisches Nachspiel und Vorwürfe

Das abrupte Vertragsende von Stromio und Grünwelt rief auch Behörden und Gerichte auf den Plan. Die Bundesnetzagentur schaltete sich ein und übergab den Fall im Frühjahr 2022 an die Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Der Verdacht: Stromio habe womöglich bereits eingekaufte Energiemengen nicht an Endkunden geliefert, sondern zu Marktpreisen an der Börse verkauft, um Profit aus der Notlage zu schlagen. Hunderte Kunden fühlten sich getäuscht und erstatteten Anzeige. Doch strafrechtlich kamen Stromio und Grünwelt letztlich ungeschoren davon. Im Juli 2022 teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass keine Ermittlungen aufgenommen werden. Begründung: Selbst wenn die Vorwürfe stimmten, falle das geschilderte Geschäftsgebaren unter keinen strafrechtlichen Tatbestand. Es gab schlicht keine passende Strafvorschrift für diesen Fall. Nach dem Prinzip Keine Strafe ohne Gesetz war also kein Strafverfahren möglich, auch wenn die Bundesnetzagentur das Verhalten als fragwürdig einstufte.

Auf zivilrechtlicher Ebene jedoch ist die Angelegenheit noch nicht völlig vom Tisch. Ein prominentes Beispiel: Der Energiekonzern EnBW verklagte Stromio auf Schadensersatz in Millionenhöhe, da er Ende 2021 rund 40.000 ehemalige Stromio-Kunden in der Grundversorgung zu teuren Konditionen versorgen musste. Das Landgericht Düsseldorf wies die Klage 2023 zwar ab, weil EnBW die genaue Höhe des Schadens nicht ausreichend belegen konnte. Allerdings stellte das Gericht klar fest, dass Stromio mit der kurzfristigen Kündigung der Lieferverträge rechtswidrig gehandelt hat. Grundsätzlich habe EnBW daher einen Anspruch auf Ersatz der Mehrkosten, so die Richter. EnBW legte zunächst Berufung ein, zog diese aber im Februar 2024 zurück, nachdem das Oberlandesgericht signalisiert hatte, die Entscheidung der Vorinstanz vermutlich zu bestätigen. Unabhängig vom Ausgang zeigt der Fall: Juristisch wurde das Vorgehen von Grünwelt und Stromio als Vertragsbruch bewertet, mit potenziellen Konsequenzen in Zivilprozessen.

Auch tausende Privatkunden haben, oft unterstützt von Verbraucherzentralen und Legal-Tech-Dienstleistern, Schadenersatzklagen vorbereitet. Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein etwa stellte Musterbriefe bereit und betonte, dass Ansprüche nur solange vor Insolvenzeröffnung durchsetzbar sind. Da eine Insolvenz ausgeblieben ist, stehen die Chancen für Entschädigungen besser, wenngleich die Durchsetzung im Einzelfall zeitaufwändig bleibt. So berichteten Betroffene teils von Vergleichsangeboten der Firma, oft nur Bruchteile der Schadenssumme, was vielen nicht ausreichte. Hier sind teils noch Gerichtsverfahren anhängig oder in Vorbereitung.

Rückkehr an den Markt: Grünwelt heute

Nachdem der Sturm sich etwas gelegt hatte, wagte Grünwelt Energie tatsächlich den Neustart. Bereits 2022 tauchte der Anbieter in veränderter Form wieder auf dem Markt auf: Unter dem Namen Grünwelt Wärmestrom GmbH begann Stromio, erneut Ökostrom-Tarife anzubieten. Offiziell betonte man, dies sei ein neues, eigenständiges Unternehmen, nicht identisch mit dem skandalumtosten Vorgänger. Doch Beobachter stellten fest: Tatsächlich steckt weiterhin Stromio dahinter, gleicher Firmensitz, gleiche Markenstrategie. Es handelte sich also eher um ein Rebranding als um einen echten Betreiberwechsel. Seit 2023 wird zudem unter der zugehörigen Marke Naturwerke wieder bundesweit Ökostrom geliefert. Mit der Rückkehr auf Vergleichsportale mischt Grünwelt Energie also wieder im Kundenwettbewerb mit.

Die Börsenstrompreise sind inzwischen von den Extremwerten Ende 2021 und 2022 zurückgegangen. Das schuf offenbar die Basis, damit Discounter wie Grünwelt erneut margenträchtige Angebote kalkulieren können. Trotzdem bleibt das Vertrauen vieler Verbraucher erschüttert. Branchenexperten warnen ausdrücklich davor, vorschnell wieder zu solchen Anbietern zu wechseln. Man solle nicht nur auf den Preis schauen, sondern auf die Seriosität des Unternehmens, um beim nächsten Preisschock kein böses Erwachen zu erleben. Grünwelt Energie wird in Expertenratings aktuell als nicht empfehlenswert eingestuft, vor allem aufgrund des Lieferstopps 2021 und erneut stark steigender Kosten im zweiten Vertragsjahr. Kurz gesagt: Grünwelt ist wieder aktiv, aber mit angekratztem Ruf.

Finanziell gibt es keine öffentlichen Warnsignale, die auf eine akute Insolvenzgefahr hindeuten würden. Allerdings ist unklar, wie solide die Kapitaldecke des Unternehmens heute ist, da Geschäftszahlen nicht transparent kommuniziert wurden. Dass Grünwelt jedoch erneut Kunden akquiriert und sogar in Österreich tätig ist, spricht dafür, dass die Firma ihre Zahlungsfähigkeit zumindest mittelfristig gesichert hat. Die ausstehenden Entschädigungsansprüche und Vertrauensverluste belasten zwar das Image, doch bislang gibt es keine Anzeichen, dass Grünwelt Energie aktuell vor der Pleite stehen würde.

Fazit

Ist Grünwelt Energie pleite? Nach umfassender Recherche lässt sich diese Frage klar beantworten: Nein, Grünwelt Energie ist derzeit nicht insolvent. Trotz der schweren Turbulenzen Ende 2021 hat das Unternehmen keinen Insolvenzantrag gestellt. Statt einer Pleite entschied sich der Anbieter für den umstrittenen Schritt, alle Kundenverträge zu kündigen und die Belieferung einzustellen, wodurch er sich aus der unmittelbaren Kostenfalle befreien konnte. Dieser Lieferstopp war beispiellos und wurde juristisch als Vertragsbruch gewertet, strafrechtlich aber mangels Gesetzeslücke nicht geahndet. In der Folge musste Grünwelt Energie einen massiven Vertrauensverlust hinnehmen, konnte aber finanziell überleben.

Aktuell hat Grünwelt Energie die Versorgung sogar wieder aufgenommen und buhlt erneut um Kunden. Die Zahlungsunfähigkeit scheint überwunden, und es gibt keine Hinweise auf eine akute Insolvenzdrohung. Verbraucher sollten dennoch vorsichtig abwägen, ob sie einem Anbieter, der einst seine Kunden im Stich ließ, erneut vertrauen wollen. Die Ereignisse von 2021 zeigen, dass extreme Marktbedingungen Discounter in die Knie zwingen können. Stand heute jedoch gilt: Grünwelt Energie ist nicht pleite und auch nicht unmittelbar von Insolvenz bedroht. Das Unternehmen bleibt am Markt – hoffentlich, ohne seine Kunden noch einmal enttäuschen zu müssen.

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